Warum Ertrinkende gar nicht so aussehen, als würden sie ertrinken

Der Sommer kommt, die Badesaison hat begonnen. Deshalb hier ein Hinweis, der euch vielleicht mal ein Leben retten lässt: Eine Person, die ertrinkt, sieht nicht so aus, wie ihr euch das vorstellt – ja, sie sieht vielleicht nicht einmal so aus, als würde sie überhaupt Hilfe brauchen!

Als Übungsleiterin in einem Schwimmverein ist man immer wieder auch mit dem Retten von Personen konfrontiert. Selbst wenn man nicht selber regelmäßig Menschen aus Notsituationen retten muss, ist es sehr wichtig, dass man weiß, wie das geht. Trotzdem ist vielen Menschen selbst im Schwimmsport nicht klar, wie es eigentlich aussieht, wenn jemand ertrinkt. Umso weniger ist es den meisten Badeurlaubern bewusst. Und so kommt es denn auch vor, dass das eigene Kind wenige Meter neben einem zu ertrinken droht, ohne dass die Eltern es bemerken, wie Mario Vittone, Rettungshubschrauberpilot und Rettungsschwimmer der U.S. Coast Guard, es in diesem Artikel eindringlich beschreibt.

Zunächst einmal: Allein in Deutschland sterben jedes Jahr ca. 400 Menschen durch Ertrinken. Auch als sehr guter Schwimmer ist man vor dem Ertrinken nicht “sicher”. Besonders häufig betroffen sind Kinder; Ertrinken gilt als eine der häufigsten Todesursachen bei Kleinkindern. Obwohl allgemein angenommen wird, dass Ertrinkende laut um Hilfe schreien und wild mit den Armen winken, ist das Ertrinken ein erschreckend leiser Vorgang. Kein panisches Gestrampel, kein Geschrei, kein Gespritze.

Natürlich heißt das nicht, dass Menschen, die um Hilfe rufen und winken, nicht tatsächlich in Not sind – ihnen muss man selbstverständlich Hilfe leisten. Dies geschieht am besten, indem man professionelle Hilfe holt und der Person etwas zum festhalten zuwirft, sie ggf. auch selbst aus dem Wasser zieht. Wichtig ist immer: Eigenschutz geht vor! Es bringt niemandem etwas, wenn man sich selbst überschätzt und am Ende beide Menschen in Wassernot sind.

So sieht die instinktive Reaktion auf das Ertrinken aus, wie sie von Mario Vittone und Dr. Francesco A. Pia in einem Artikel im Coast Guard´s On Scene Magazine erläutert wurde (die folgenden Absätze wurden dieser Website entnommen):

1. In den meisten Fällen sind ertrinkende Menschen physiologisch nicht dazu fähig, Hilfe zu rufen. Da das Atmungssystem auf das Atmen ausgelegt ist und die Sprache die zweite/überlagerte Funktion darstellt, muss zunächst die Atmung sichergestellt werden, bevor die Sprachfunktion stattfinden kann.
2. Da sich der Mund beim Ertrinken unter der Wasseroberfläche befindet und nur kurzeitig wieder aus dem Wasser auftaucht, ist die Zeit für das Ausatmen, Einatmen und für einen Hilferuf zu kurz. Sobald sich der Mund einer ertrinkenden Person über der Wasseroberfläche befindet, wird schnell ausgeatmet und wieder eingeatmet, bevor der Kopf wieder unter Wasser abtaucht.
3. Ein Herbeiwinken ist nicht möglich. Die Arme werden instinktiv seitlich ausgestreckt und von oben auf die Wasseroberfläche gedrückt. Diese Schutzfunktion soll den Körper über der Wasseroberfläche halten, um weiter Atmen zu können.
4. Eine bewusste Steuerung der Arme ist bei einer instinktiven Reaktion auf das Ertrinken nicht möglich. Ertrinkende Menschen sind aus physiologischer Sicht nicht dazu fähig, das Ertrinken durch bewusste und gesteuerte Bewegungen abzuwenden. Ein Winken nach Hilfe ist also nicht möglich.
5. Während der Dauer des Ertrinkens befindet sich der Körper aufrecht im Wasser. In der Regel können sich Ertrinkende nur 20 bis 60 Sekunden an der Wasseroberfläche halten, bevor sie untergehen. Nicht viel Zeit für einen Rettungsschwimmer.

Auf die folgenden Anzeichen des Ertrinkens sollte man unbedingt achten:

* Der Kopf ist nach hinten geneigt und unter Wasser. Der Mund befindet sich auf einer Höhe mit der Wasseroberfläche.
* Die Augen sind glasig und leer.
* Die Augen sind geschlossen.
* Die Haare hängen vor Stirn und/oder Augen.
* Der Körper befindet sich vertikal im Wasser – die Beine werden nicht bewegt.
* Der Ertrinkende beschleunigt die Atmung und ringt nach Luft.
* Die betroffene Person unternimmt den Versuch zu schwimmen, kommt aber nicht voran.
* Es wird versucht sich auf den Rücken zu drehen.

Hier kann man sich diese instinktive Reaktion außerdem in einem Video ansehen.