Gewusst, wie!

Wie kriege ich eigentlich eine Horde lauter, pubertärer Teenager – ähm, ich meine natürlich, eine Schulklasse – ruhig gestellt? Eine belgische Lehrerin hat dafür eine sehr interessante Möglichkeit gefunden, als sie keine Lust auf ständige Unruhe im Mathe-Unterricht mehr hatte. Da die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler die Fantasy-Serie “Game of Thrones” im Fernsehen verfolgte, kündigte sie an, von nun an bei zu viel Lärm jedes Mal den Namen des Charakters an die Tafel zu schreiben, der als nächstes sterben wird. Das ist dann wohl der Vorteil, wenn man die Buchreihe schon kennt, die Schülerinnen und Schüler aber nicht! :-D

Eine Zeitung brachte diese Meldung übrigens unter der Überschrift “spoilered rotten kids”, eine sehr schöne Anlehnung an die Redewendung “to spoil someone rotten”, also “jemanden (zu sehr/nach Strich und Faden) verwöhnen”.

Radikale Erziehungsmaßnahme

Man hört und liest ja oft, dass Menschen mit bestimmten Namen mit Vorurteilen zu kämpfen haben, sei es nun in der Schule, im Berufsleben oder im Alltag. Stichwort: “Das ist kein Name, sondern eine Diagnose”. Leider werden diese Vorurteile tatsächlich viel zu oft bestätigt. Ein Vater, dem ich letztens im Supermarkt begegnete, schien seine Abneigung gegen gewisse Namen schon sehr geschickt an sein Kind weitergegeben zu haben.

Vater an der Kasse zu seinem kleinen Sohn, vielleicht vier oder fünf Jahre alt: “Wenn du dich nicht benimmst, nenne ich dich ab jetzt Kevin!”
Hat gewirkt, das Kind fing sofort an zu heulen. “Aber so heiße ich gar nicht!” Darauf der Vater gleichmütig: “Dann benimm dich auch nicht so…”

Lügen zu Erziehungszwecken?

Vor einiger Zeit las ich einen interessanten Artikel zu einer Studie, ob und wie bzw. in welchen Fällen Eltern in den USA und China ihre Kinder belügen. Diese Studie brachte spannende Ergebnisse zu Tage, insbesondere im Vergleich der Daten zwischen den beiden Ländern. Unterschieden wurde zwischen sechs Arten von Lügen: “Ich gehe gleich”-Lügen, “Wenn du dich jetzt nicht benimmst”-Lügen, Lügen in Bezug auf Essen und Geld, “Du warst toll”-Lügen und Märchenlügen. Fast alle Arten von Lügen würden in China häufiger benutzt als in den USA. Dort drohten sogar 21% der Eltern ihrem Kind mit dem Tod (in den USA immerhin noch 4%). Während Erziehungslügen in China als legitimes Erziehungsmittel wahrgenommen würden, sähen viele US-Amerikaner in ihnen den letzten Ausweg.

Der Artikel hat mich durchaus zum Nachdenken gebracht – in welchen Fällen ist eine Lüge gegenüber Kindern nun angemessen oder gar notwendig? Oder ist es besser, immer 100%ig die Wahrheit zu sagen? Denn eigentlich wird Ehrlichkeit Kindern ja immer wieder als Tugend gepriesen. Aber was ist mit Notlügen? Und sollte man deshalb auch auf die Geschichte vom Weihnachtsmann und auf die Zahnfee lieber verzichten?

Lügen wie “Ich habe kein Geld dabei” sind einfach dumm – besonders, wenn einen das Kind dann kurz darauf dabei erwischt, dass man vielleicht doch etwas kaufen muss. Außerdem suggeriert diese Antwort: “Hättest du gefragt, als ich Geld dabei hatte, hättest du es auch bekommen.” Stellt also die Quengelei nicht ab. Dann doch lieber ehrlich antworten: “Nein, wir kaufen heute keine Süßigkeiten.” oder “Du hast genug Kuscheltiere zu Hause, wir können nicht dauernd neue kaufen.” Das mag weiteres Theater nach sich ziehen, ist aber auf Dauer die einzige Möglichkeit, das Quengeln abzustellen.

Sätze wie “Wenn du jetzt nicht mitkommst, dann lasse ich dich hier alleine stehen.” stellen sich oft als zweischneidiges Schwert heraus: Die Eltern würden niemals wirklich weggehen, bleiben meist zehn Meter weiter stehen und fangen wieder an zu rufen oder kommen gar sofort zurück. Was lernt das Kind daraus? Ich muss nur trotzig stehenbleiben, und alles dreht sich wieder um mich. Die Drohung kann durchaus mal den gewünschten Effekt haben, aber oft hat das Kind den längeren Atem bzw. den größeren Trotz.

Motivationslügen dagegen sind für mich definitiv sinnvoll und legitim. Einem Kind, das gerade anfängt, Flöte oder Geige zu spielen, sollte man keinesfalls sagen, dass es ganz grauenhaft klingt und es ja keinen einzigen Ton trifft – egal, wie sehr einem die Ohren weh tun. Das demotiviert nur unnötig. Klar sollte man nicht immer alles, was das Kind tut, über den grünen Klee loben, und oft ist konstruktive, sachliche Kritik hilfreich. Aber schonungslose Ehrlichkeit hilft einem nicht weiter, wenn einem eine Vierjährige stolz ihr neues “Kunstwerk” präsentiert. Und ein ganz wichtiger Punkt, gerade am Anfang oder wenn ein Kind Schwierigkeiten mit etwas hat: Immer wieder loben, selbst für kleine Fortschritte. Ohne Erfolg keine Motivation, und Lob vermittelt Erfolge.

Märchenlügen sind ein schwierigeres Thema. Ich bin kein großer Fan von Märchen und würde sie meinem Kind zumindest nicht als wahre Geschichte, sondern eben als Märchen erzählen. Fabelwesen würde ich nie als reale Geschöpfe präsentieren wollen. Beim Weihnachtsmann wird die Sache schon schwieriger. Im Prinzip könnte man das Thema einfach nicht ansprechen. Aber spätestens im Kindergarten wird das Kind von alleine damit anfangen, zumal die rot gekleideten Herren mit Rauschebart ja auch auf jedem Weihnachtsmarkt präsent sind. Und wer schonmal die leuchtenden Augen von kleinen Kindern beim Anblick eines “Weihnachtsmannes” gesehen hat, weiß auch, wie begeistert Kinder darauf reagieren. Diese Begeisterung mit einem rüden “ist alles nicht wahr” zu zerstören, wäre gemein; das erledigt sich in der Grundschule schon von alleine. Vielleicht wäre die diplomatischste Lösung, den Weihnachtsmann (oder die Zahnfee, oder das Christkind, oder …) auch als Märchengestalt zu präsentieren – anstatt zu sagen “An Weihnachten bringt der Weihnachtsmann Geschenke”, könnte man also auf “es heißt in der Geschichte, dass an Weihnachten der Weihnachtsmann Geschenke bringt” umschwenken. Schlecht ist nämlich, wenn irgendwann die Wahrheit rauskommt und man dann als Lügner dasteht, denn Kinder können es genauso wenig leiden, belogen zu werden, wie Erwachsene.

Noch ein ganz anderer Aspekt, der im Artikel nicht angesprochen wurde: Wie ist es mit Lügen zur Vereinfachung von Sachverhalten? Wenn die Frage “wo komme ich her” für ein kleines Kind zu kompliziert zu beantworten ist, erzähle ich dann einen vom Klapperstorch oder von “Mami und Papi hatten sich ganz doll lieb” – oder versuche ich, “die Wahrheit”, also einen komplizierten Sachverhalt, kindgerecht zu vereinfachen? Mir erscheint die Vereinfachung des korrekten Sachverhalts viel sinnvoller als die Lüge vom Klapperstorch, aber oft verwischt die Grenze zwischen (zu) starker Vereinfachung und Lüge sehr schnell.

Und dann gibt es da noch Lügen, um Kinder vor etwas zu schützen, sei es nun vor einer schlechten Erfahrung oder davor, zu sehen, dass es einem selbst schlecht geht (physisch oder psychisch). Da wird es schnell kompliziert und übersteigt zudem den Rahmen simpler Erziehungslügen, so dass ich das hier lieber ausklammern möchte – ebenso wie Notlügen. Nur eines dazu: Kinder lassen sich weniger vormachen, als es so manchem Erwachsenen lieb ist. Dann lieber gleich die Wahrheit sagen (und sei es in vereinfachter Form).

Fazit: Ehrlichkeit ist ach in der Erziehung sehr wichtig, denn sie schafft Vertrauen. Trotzdem ist eine Trickserei gelegentlich schon okay, besonders zu Motivationszwecken. Man sollte sich nur nicht selbst dabei austricksen, wie es bei “beim nächsten Mal”-, “ich habe kein Geld dabei”- und “ich lasse dich hier stehen”-Lügen nur allzu leicht der Fall ist. Das gleiche Problem kann es bei Märchenlügen geben. Aber Menschen sind fantasievoll und mögen schöne Geschichten mit mitreißenden Charakteren – man muss ja nicht immer alles gleich als “absolut wahr” präsentieren.