Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil

Donnerstag, 6.10.2011

Nach einem ausgiebigen gemütlichen Frühstück erkundeten wir Ankawa (auch die Schreibweise “Ainkawa” schien verbreitet), den Vorort, in dem wir wohnten. Dieses Viertel ist eine gute Wohngegend, die meisten Menschen hier sind Christen und zeigen dies auch sehr deutlich, z.B. mit grell leuchtenden Kreuzen vor dem Fenster. Auch diverse Kirchen gibt es hier, die sich architektonisch stark von den europäischen unterscheiden.

Kirche in Ankawa

Kirche in Ankawa

Das Wohnviertel gefiel uns ausgesprochen gut: Nur Einfamilienhäuser, die Straßen überwiegend sauber (für Arbiler Verhältnisse extrem sauber, wie wir noch feststellen sollten!) und gepflegt. Vor jedem Haus steht eine erstaunlich kleine Mülltonne, die, wie ich erfuhr, zwei Mal am Tag geleert wird, damit es im Sommer bei 50° nicht so schrecklich stinkt.

typischer Häuserblock in Ankawa

typischer Häuserblock in Ankawa

typisches Haus in Ankawa

typisches Haus in Ankawa

Wir besuchten das Assyrische Museum ein paar Straßen weiter. Es ist zwar klein, aber hübsch eingerichtet. Die Beschriftung ist in Kurdisch, Arabisch(?) und Englisch, allerdings in allen drei Sprachen recht spärlich. Ausgestellt werden vor allem landwirtschaftliche und Haushaltsgeräte des 19. und 20. Jahrhunderts, Trachten, alter Handschriften, Biographien wichtiger Persönlichkeiten (zu einem extrem hohen Teil christliche Geistliche) und Alltagsgegenstände assyrischen Lebens im Irak.

Assyrische Trachten

Assyrische Trachten

Webstuhl im Assyrischen Museum

Webstuhl im Assyrischen Museum

Am Nachmittag ging es in zwei der größten Malls der Stadt, die deutschen Shopping Centern in nichts nachstehen. Die Family Mall war schlichtweg riesig, mit einem großen Baumarkt, diversen Restaurants und Cafés sowie Geschäften aller Art. Auf der unteren Etage gibt es auch eine Eisbahn, auf der mit Begeisterung Schlittschuh gelaufen wurde. In Arbil ist schließlich schon Herbst; bei schlappen 30° muss man sich wohl so langsam auf den Winter vorbereiten. In den Bergen nahe der Stadt gibt es übrigens auch Wintersportgebiete; von den heißen Sommern sollte man sich nicht täuschen lassen. Die Temperaturen gehen in Arbil in kalten Winternächten auch schonmal gegen 0°, auch wenn es Schnee nur etwa ein Mal alle zehn Jahre gibt, und liegen tagsüber oft bei bis zu 20°. In den deutlich höher gelegenen Bergen dagegen gibt es recht viel Schnee und entsprechenden Tourismus.

Eisbahn in der Family Mall

Eisbahn in der Family Mall

Wir aßen im Foodcourt zu Mittag: traditionelle Salate, Linsensuppe, Lahmacun, Pide. Alles sehr lecker, wenn auch für kurdische Verhältnisse recht teuer. Der westliche Lifestyle, der in den Malls geboten wird, hat offensichtlich seinen Preis; auch die Klamottenläden boten Kleidung zu normal-europäischen bis gehobenen Preisen an. Auch das Sortiment ist stark europäisiert: Jeans und Hemden, enge T-Shirts und knappe Sommerkleidchen. Dazu kommen Läden, in denen z.B. deutsche Artikel angepriesen werden; diese sind dann allerdings oft in China produziert und stecken lediglich in einem Karton mit deutschem Namen drauf. Mit einem dieser Ladeninhaber kamen wir ins Gespräch, einem Kurden, der seit 20 Jahren in Wien lebt. Es passiert auch recht häufig, dass man mit einem Rückkehrer aus Deutschland ins Gespräch, der einen in bestem Deutsch in seinem Land willkommen heißt. Generell sind die Menschen hier sehr kontaktfreudig. Es geschieht häufig, dass man angesprochen wird, wenn man sich auf Deutsch unterhält, sei es von Kurden, die die Sprache erkennen, oder von irakischen Touristen, die gerne ein Foto mit “den Europäern” machen möchten. Blonde bzw. rote Haare und helle Haut sind dort eben doch sehr selten, denn europäische Touristen gibt es nur wenige.

Family Mall

Family Mall

Family Mall

Family Mall

Danach ging es noch zum Lebensmittelkauf in die Majidi Mall. Diese ist kleiner als die Family Mall, vorwiegend Klamottenläden. Am Eingang wieder die Sicherheitskontrolle, die so obligatorisch wie sinnlos erscheint: Der Metalldetektor piept prinzipiell bei jedem, oberflächlich abgetastet werden jedoch nur die Männer, obwohl eine Frau immer beim Wachpersonal dabei ist und einen Blick in die Handtaschen wirft. Da merkt man dann, dass es in Arbil seit Jahren keine Anschläge gegeben hat; prinzipiell bestehen zwar Sicherheitsvorkehrungen, diese werden aber erstaunlich lasch gehandhabt. Und ganz ehrlich: Ich hatte in der kompletten Woche nicht ein Mal Grund, mich unsicher oder bedroht zu fühlen. Es ist kein anderes Gefühl, in Arbil durch die Straßen zu schlendern, als in Deutschland (nur, dass man sich in Arbil auf dem Markt nicht vor Taschendieben zu fürchten braucht, wie bei uns).

Nutella-Nachahmerprodukt und Langnese Honig

Nutella-Nachahmerprodukt und Langnese Honig

Das einzige, dass mir ein ungutes Gefühl bereitete, ist der Verkehr. Es ist unglaublich chaotisch, in gewisser Weise noch chaotischer als europäische Großstädte wie Paris und Rom, denn hier hält sich niemand an Spuren oder Fahrtrichtungen, dauernd wird gehupt. Spuren sind meistens nicht mal eingezeichnet, es fahren halt so viele Autos nebeneinander, wie es passt, und oft wird dann ohne zu gucken mal eben drei Autobreiten nach links oder rechts gezogen. Entsprechend hoch muss die Unfallquote sein, besonders bei den Taxen, die pauschal für eine Strecke (nicht nach Zeitaufwand oder Verkehrsdichte) bezahlt werden. Dadurch dass sich kaum jemand anschnallt (viele Autos haben hinten gar keine Gurte, weil ein Kunstlederbezug die Polster verdeckt, der leider keine Aussparungen für die Gurte lässt), ist auch die Zahl der Verkehrstoten erschreckend hoch. Insbesondere mit Kindern wird in dieser Beziehung sorglos umgegangen: Fünf, sechs oder gar sieben Kinder auf der Rückbank sind keine Seltenheit, bei Jeeps mit Ladefläche sieht man sehr oft Kinder und/oder Tiere vergnügt auf der Ladefläche herumhüpfen. Auch bei 90km/h.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)
Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
Wie es weiterging:
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil

Mittwoch, 5.10.2011

Nach der langen Reise war ich ziemlich platt, sodass wir am Mittwoch Morgen erstmal ausschliefen. Da wir in einem Privathaushalt übernachten durften, mussten wir uns auch nicht frühzeitig zum Frühstück aus dem Bett quälen. Ich wurde von unseren Gastgebern, Familie Martsch, sehr herzlich aufgenommen. Sie betreiben das Deutsche Kulturzentrum in Arbil und führen ein eigenes Unternehmen, sind mit der Familie des kurdischen Präsidenten befreundet und genießen wegen ihres Einsatzes für die Kurden seit dem Krieg vor 20 Jahren ein hohes Ansehen dort. Der unbestreitbare Vorteil für uns: Dank dieses besonderen Ansehens und verschiedener Ausweise kommt man problemlos und ohne nervige Kontrollen überall hin. Und in einem Privathaushalt lebt es sich eigentlich immer praktischer als in einem Hotel.

Da mein Handy hier keinen Empfang hatte und Simyo offenbar keinen Roamingpartner im Irak hat, brauchte ich eine kurdische SIM-Karte. Die ist sowieso viel praktischer, da man recht günstig telefoniert, auch nach Deutschland (für ein achtminütiges Gespräch habe ich 2300 Dinar gezahlt, das entspricht etwa 1,50€). Nachdem ich also eine kurdische Handynummer hatte, ging es los in die Stadt. Wichtig dabei für mich: Die Kleidungsfrage. Trotz 35° kommen Minirock und Trägertop in einem vorwiegend muslimischen Land wohl eher nicht gut an. Wäre bei der Sonne aber eh nicht besonders schlau. Dank Ennos Berichten wusste ich, dass Jeans und T-Shirt auch als Frau ausreichen; es gibt zwar viele einheimische Frauen, die in langen Mänteln und verschleiert herumlaufen, aber auch durchaus viele mit langen, offenen Haaren, Jeans und T-Shirt. Auf den Minirock wird zumindest in der Öffentlichkeit verzichtet, in diversen Läden gibt es aber erstaunlich knappe und offenherzige Kleidchen zu kaufen. Also beschränkte auch ich meine Anpassung auf eben jene Jeans und vergleichsweise weite T-Shirts (war gar nicht so einfach, sowas im Kleiderschrank zu finden…), um nicht gleich am ersten Tag blöd aufzufallen.

Zunächst ging es also ins Erbil Speed Center, wo wir auf einige Helfer, die beim Abbau der Zelte vom Fest der vergangenen Woche warteten. Bei Wasser und Cola lernten wir den Gebäudekomplex kennen: Ein Sportcenter mit Kartbahn, Restaurant und Bar, die obligatorische Sicherheitskontrolle am Eingang und englischsprachiges Personal. Ich erfuhr, dass hier eines der großen Bauprojekte der Stadt umgesetzt wird: Neben dem Speed Center entsteht ein Bürohochhaus, dazu eine große Zahl Einfamilienhäuser und mehrere Appartementblöcke, außerdem ein Marriott Resort. Bauprojekte dieser Art sind typisch für Arbil: Die Stadt boomt, und überall sind Baustellen, entstehen gute Hotels und Bürogebäude.

Erbil Speed Center und Business Tower

Erbil Speed Center und Business Tower

Shanidar Park, Arbil

Shanidar Park, Arbil

Während Enno und Horst mit ihren Helfern die Zelte abbauten, schaute ich mir die Umgebung an, nämlich den schönen Shanidar Park. Er ist einer von mehreren großen Parks in Arbil. Hier in Wuppertal ist man ja schon verwöhnt, was Bäume und Grünflächen angeht, aber Arbils Parks sind schlichtweg umwerfend. Wer denkt, in einem scheinbar so kargen, heißen Land würde mit Wasser sparsam umgegangen, der irrt sich: Mit viel Aufwand wird Rasen grün gehalten, werden Springbrunnen und riesige Parkanlagen in der ganzen Stadt betrieben.

Shanidar Park, Arbil

Shanidar Park, Arbil

Vom Park aus machten Enno und ich uns auf den Weg in die Innenstadt. Auch wenn der Weg nicht weit war, bei 35° und knallender Mittagssonne war es trotzdem etwas anstrengend. Wir liefen an gut bewachten Gebäudekomplexen vor (eine Schule, eine Militärakademie, die meisten aber ohne Schild). Ich lernte das kurdische Wort für Hallo: Salam. Je näher wir dem Stadtkern kamen, desto schmaler und voller wurden die Straßen. Es herrschte recht viel Verkehr, sodass man beim Überqueren der Straßen gut aufpassen musste. Schließlich ragte vor uns die Zitadelle auf, eine Art befestigte Erhebung mitten in der Stadt, auf bzw. unter der die ältesten Teile der Stadt liegen: Arbil ist über 4000 Jahren durchgehend bewohntes Gebiet, und es liegt in der Gegend der Welt, die man getrost als Wiege der Zivilisation bezeichnen könnte, an der Grenze des Zweistromlandes/Mesopotamien.

Zitadelle Arbil

Zitadelle Arbil

oben auf der Zitadelle, Arbil

oben auf der Zitadelle, Arbil

Blick von der Zitadelle über Arbil

Blick von der Zitadelle über Arbil

Um die Zitadelle herum erstreckt sich das Geschäftszentrum von Arbil. Neben einer Grünanlage erstreckt sich ein hübsches Verwaltungsgebäude(?) mit Uhrenturm, darum herum eine Geschäftsstraße. Hier ist auffällig, wie wenige Frauen unterwegs sind; die Läden sind auch nur auf männliche Kundschaft ausgelegt und verkaufen europäische Herrenkleidung sowie billige Elektrogeräte (auf den ersten Blick wirken die Kartons wie die von europäischen Marken, auf den zweiten fallen dann Schreibweisen wie “Pihilipps” und “Philippis” auf). Es gibt Imbissbuden mit landestypischem Essen und alle möglichen Läden, gelegentlich Stände mit Kopien von (Schul)Büchern.

Hinter dieser Geschäftsstraße beginnt der Bazar. Dieses Gewirr kleiner Wege ist überdacht und besteht aus einer Vielzahl kleiner Läden. Hier gibt es alles, was man brauchen kann: säckeweise Gewürze, jegliche Art von Essen, traditionelle Frauengewänder und europäische Mode inklusive Trägertops und kurzer Röcke, Kinderkleidung und billiges Spielzeug. Schade, dass wir uns mit den meisten Menschen kaum verständigen können; Englisch sprechen nur sehr wenige, unser Kurdisch beschränkt sich auf “hallo” und “danke”, wir können nichtmal die Zahlen auf den Schildern lesen. Deshalb beschränken wir unsere Einkäufe auf das Nötigste: Wasser! Die Halbliterflasche gibt es für umgerechnet 13-15 Cent an jeder Ecke.

Nach mehreren Stunden in der Innenstadt sind mir müde und bestellen uns ein Taxi, um zurück nach Ankawa, in “unseren” Vorort zu fahren. Klingt einfach, ist aber komplizierter als gedacht, denn die Straße, in der wir wohnen, hat keinen Namen oder zumindest kein Schild. Das scheint in Arbil üblich zu sein: Die wenigsten Straßen haben Schilder, abgesehen von den Hauptstraßen. Die Einheimischen kommen damit gut klar, man beschreibt halt mit “in der Nähe von …” oder beschreibt dem Taxifahrer den Weg. So mussten auch wir uns mit Händen und Füßen verständlich machen so gut es ging, immer auf der Suche nach Straßenecken, die uns bekannt vorkamen, denn das Restaurant, das wir als Referenzpunkt gewählt hatten, kannten weder unser Fahrer noch die gefragten Polizisten. Das funktionierte dann im Endeffekt auch: Wir kamen nur zwei Straßen von unserem Ziel raus und fanden den Weg. Das wirklich Unangenehme am Taxifahren dort: Hinten gibt es zumeist keine Gurte. Hier schnallt sich sowieso kaum jemand an, aber das machte es für mich auch nicht besser.

Als wir ankamen, gab es bald Abendessen. Wir ruhten uns etwas aus und genossen einen unterhaltsamen Abend mit unseren Gastgebern. Schließlich machten wir uns noch auf den Weg zum Lebensmittelladen um die Ecke und schauten uns ein wenig im Viertel um. Abends testeten wir den Fernseher: Neben mehreren englischsprachigen Programmen gab es auch RTL2, ZDF und ARTE, gelegentlich auch RTL und ARD. Davon war ARTE noch am brauchbarsten; insbesondere RTL2 ist dank völlig hirnloser Sendungen und Werbung in Schwitzerdütsch schlichtweg nicht zu ertragen. Aber zum Glück waren wir ja nicht zum Fernsehen in Arbil.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)
Wie es weiterging:
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)

Dienstag, 4.10.2011

Wuppertal -> Düsseldorf

Der Tag des Abflugs, Stress pur. Aufstehen noch vor 6 Uhr, um frühzeitig am Einwohnermeldeamt zu sein wegen meines vorläufigen Reisepasses. Kurz vor 7 da, erste in der Schlange, bis zur Öffnung des Einwohnermeldeamtes um 7:30 waren gute 40 Leute(!) hinter mir. Praktischerweise war ich nach gut zehn Minuten fertig und hatte endlich meinen Pass in der Hand – meine Versicherung, das ich auch wirklich fliegen würde! So richtig glauben konnte ich es aber noch nicht. Nun ging es ins Büro, um noch einige Dinge abzuarbeiten, bevor ich zum Flughafen musste. Dieser Plan wurde dadurch vereitelt, dass in der Nacht zuvor jemand ins Gebäude eingebrochen war und einige Büros aufgebrochen und ausgeräumt hatte. Unsere Tür war zwar aufgebrochen, jedoch nichts entwendet. Dennoch hieß mussten wir auf die Kripo warten, an Arbeit nicht zu denken. Danach noch kurz zur Bibliothek und in die Stadt, um ein paar Kleinigkeiten für unsere Gastgeber zu kaufen. Kurzfristig noch den Auftrag bekommen, Brot, Camembert und Salami mitzubringen, also noch schnell in einen Laden und dann zum Zug nach Düsseldorf gehetzt.

Düsseldorf -> Istanbul

Im Gegensatz zur Planung lief bei der Durchführung glücklicherweise alles glatt: um 11 Uhr im Zug, um 12 am Flughafen, Check In und Kontrollen ohne Probleme, noch fast zwei Stunden bis zum Abflug. Der Flug nach Istanbul war dann recht unspektakulär: nettes Personal, Essen okay, sehr viele Türken und wenige Deutsche im Flieger, neben mir eine libanesische Familie mit zwei kleinen Kindern, mit der ich mich ein bisschen unterhalten konnte.

Trübes Wetter beim Abflug in Düsseldorf

Trübes Wetter beim Abflug in Düsseldorf

Der fast fünfstündige Aufenthalt in Istanbul war recht langweilig; auch wenn der Transit recht groß ist, nach drei Rundgängen durch die Läden reicht es. Die Suche nach einer Steckdose oder Internet war vergeblich. Sobald mein Gate für den Weiterflug angekündigt war, setzte ich mich dort hin. Gute 1,5 Stunden vor Abflug fingen Mitarbeiter des Bodenpersonals an, die Pässe und Bordkarten aller Wartenden zu kontrollieren (also noch vor den Boardingkontrollen!). Von jedem wollten sie wissen, was sie in Arbil wollten. War auch wohl bei allen recht unspektakulär, nur mir wollte er nicht so recht glauben, dass ich dort Urlaub machen will. Also fünf Minuten Eiertanz: Wirklich Urlaub? Warum denn? Kenne ich da jemanden? Was mache ich beruflich? Und so weiter. Da fühlt man sich gleich unter Generalverdacht. Aber andererseits kein Wunder, das Verhältnis zwischen Türken und Kurden ist ja auch nicht einfach.

Istanbul bei Nacht

Istanbul bei Nacht

Istanbul -> Arbil

Der Weiterflug war dann letztendlich ebenso unspektakulär. Ich hatte einige Male einen schönen Blick über die beleuchteten Städte und Dörfer der Türkei und dann über Kurdistan. Der Blick auf Arbil zeigte, dass diese Stadt nicht gerade klein ist und einiges an gut beleuchteten Hochhäusern zu bieten hat. Der Flughafen Arbil kam mir auf den ersten Blick viel kleiner vor als er eigentlich ist; einige Schalter zur Passkontrolle (mein vorläufiger Reisepass erregte unsichere Blicke und das ß in meinem Nachnamen irritierte Nachfragen), der Einreisestempel im Pass genügt als Touristenvisum, das Gepäck kam nach einiger Wartezeit am einzigen Gepäckband an. Draußen wurde ich dann (mittlerweile war es 1:45) von Enno und Horst, dem Sohn unserer Gastgeber, erwartet. Mit dem Jeep ging es an den Kontrollen vorbei (ein Hoch auf Diplomatenausweise). Todmüde fiel ich dann gegen 2:30 ins Bett, voller Spannung auf meinen ersten Tag in Arbil.

Landung in Arbil

Landung in Arbil

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
Wie es weiterging:
Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)

Blick in die Berge bei Dokan (Kurdistan)

Blick in die Berge bei Dokan (Kurdistan)

Warum eine Reise nach Kurdistan?

Fast jedem, dem man erzählt, dass man nach Kurdistan bzw. in den Irak fliegt, fällt erstmal die Kinnlade herunter. Darauf folgt entweder ein irritiertes oder ungläubiges “Warum?” oder gleich ein “Bist du verrückt!?”. Dabei war in diesem Fall die Antwort recht einfach: Da Enno nun schon eine Woche dort war und mir alles als sehr unkompliziert und sicher beschrieb, überkam mich die Neugier nach diesem Land. Immerhin handelt es sich dabei um die Wiege der Zivilisation, die Region, in der die ersten Menschen sesshaft wurden und Ackerbau und Viehzucht betrieben, und Arbil ist eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte weltweit. Klingt alles sehr interessant, und Bilder wie das über diesem Post taten dann ihr übriges. Und so kam es, dass ich innerhalb weniger Tage eine Reise in den Nordirak plante. Und um eines vorweg zu nehmen: Es war eine wunderbare Reise in ein tolles Land. Ich kann es nur weiterempfehlen!

Planung einer Reise nach Kurdistan

Im Grunde ist so eine Reise nach Kurdistan erstaunlich einfach zu planen: Es gibt eine Reihe von Flügen mit mehreren Fluggesellschaften dorthin, z.B. mit Turkish Airlines (vergleichsweise günstig, gute Anbindungen über Istanbul) oder Lufthansa (schweineteuer, da Linienflug). Man findet diese Flüge im Internet entweder direkt bei den Airlines oder (meist günstiger) bei Flugsuchmaschinen oder Flugbuchseiten. Der Geheimtipp scheint Dokan Air zu sein, die nonstop von München und Düsseldorf nach Arbil und Sulaymaniyah fliegen, und das zu richtig guten Preisen: 245€ pro Richtung. Allerdings geht da momentan auch nur jeweils eine Maschine pro Woche, während man mit Turkish Airlines jeden Tag hinkommt.

Während man für den Aufenthalt im Irak zwingend ein Visum benötigt, ist das für Touristen in Kurdistan nicht nötig (was die Sonderrolle Kurdistans unterstreicht: auch wenn es nicht von allen anderen Ländern als autonomes Land akzeptiert wird, kann es eigene Einreisebestimmungen aufstellen und durchsetzen. So ganz steige ich da noch nicht durch, später ggf. mehr dazu.). Ich brauche also lediglich ein Flugticket und einen gültigen Reisepass, der Einreisestempel genügt dann als Touristenvisum für zehn Tage.

Obwohl also eigentlich alles ganz einfach klingt, hatte ich so meine Probleme. Donnerstag Nacht war ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich versuchen würde, ob die Anreise am kommenden Dienstag klappen könnte. Gesagt, getan: Nach Flügen gesucht, für preislich in Ordnung erachtet (ca. 630€ vier Tage vor Abflug). Erst dann fiel mir ein, dass mein Reisepass seit knapp zwei Jahren abgelaufen ist; innerhalb der EU kommt man ja auch mit dem Personalausweis überall rein. Also ging die Telefonierei los:
Einwohnermeldeamt – kann ich so schnell einen neuen Reisepass bekommen? Keinen regulären (48 Stunden Expressversand, dummerweise war ein langes Wochenende dazwischen, also keine Chance), aber zumindest einen vorläufigen, der aber nicht von jedem Land akzeptiert wird. Zudem: Es wird (zumindest hier in Wuppertal) die Vorlage von Heirats- oder Geburtsurkunde bzw. Stammbuch verlangt, zusätzlich zu Personalausweis oder altem Pass sowie biometrischem Foto. Ich versteh zwar nicht wieso, aber naja, also musste ich die auch erst besorgen…
Auswärtiges Amt – akzeptiert Kurdistan/Irak den vorläufigen Reisepass? Nicht zuständig, Verweis an die irakische Botschaft
Irakische Botschaft in Berlin – Mitarbeiter am Telefon musste drei Mal nachfragen. Ergebnis: Vorläufiger Reisepass wird akzeptiert, ich brauche tatsächlich kein Visum.

Da es mittlerweile Freitag Mittag war und das Einwohnermeldeamt zu hatte, musste ich auf Verdacht buchen und den Pass am Dienstag Morgen, unmittelbar vor dem Abflug beantragen. Das hat im Endeffekt auch reibungslos geklappt, mich aber im Vorfeld einiges an Nerven gekostet. Hinzu kam, dass Travel Overland, bei denen ich den Flug gebucht hatte, über drei Tage, nämlich von Freitag Nachmittag bis Montag Abend, nicht in der Lage war, mir eine Buchungsbestätigung für den Flug zuzuschicken. Dank mehrerer Telefonate wusste ich zumindest, dass der Flug gebucht und bezahlt ist, und hatte bereits die Ticketnummer, sodass ich Montag Mittag sogar schon online einchecken konnte. Aber nervig war es trotzdem, weil wegen des langen Wochenendes alles viel langsamer als sonst vonstatten ging.

Fazit: Rechtzeitige Reiseplanung vereinfacht den Vorgang stark! Besonders das Generve mit dem vorläufigen Reisepass muss man sich nicht antun. Es geht zwar zuverlässig innerhalb von zehn Minuten vor Ort, sofern man alle Unterlagen dabei hat, aber es ist ein besseres Gefühl, wenn man beim Buchen weiß, dass man damit keine Probleme mehr haben wird.

Wie es weiterging:
Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)
Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug