Kampf um Kobane

In den letzten Tagen drehen sich die Nachrichten auf einmal zu einem nicht geringen Anteil um Kobane, eine Stadt, die den meisten Deutschen bis dato unbekannt gewesen sein dürfte. Seit vorgestern gibt es in ganz Europa zahlreiche Demonstrationen, die (noch) größtenteils friedlich ablaufen, die jedoch besonders in der Türkei schon zu heftigen Zusammenstößen zwischen (kurdischen) Demonstranten und der türkischen Polizei geführt haben. Nun mag sich dem europäischen Leser die Frage stellen: Warum der ganze Stress? Es ist Krieg, Krieg ist halt scheiße, ist doch nur eine weitere Stadt, die fällt. Aber diese Argumentation greift in vielerlei Hinsicht zu kurz. Mal ganz abgesehen davon, dass es hier um tausende unschuldige Menschenleben geht…

1. Kobane hat eine große symbolische Bedeutung

Kobane ist eine größtenteils von Kurden bewohnte syrische Stadt, die fast unmittelbar an der Grenze zur Türkei liegt. Ihr arabischer Name lautet Ain al-Arab. Einerseits ist die Stadt Zentrum der in den letzten Jahren selbst aufgebauten und weitgehend autonomen Verwaltung der kurdischen Region im Nordosten Syriens, Rojava genannt. Diese kurdische Selbstverwaltung hatte sich im Laufe des Bürgerkriegs herausgebildet, wurde von Assad mehr oder weniger geduldet und bot im Nordosten Syriens zumindest einen gewissen Schutz vor den immer extremer werdenden Rebellengruppen. Dieser gute Artikel der Zeit vom März diesen Jahres liefert hierzu eine Menge Infos.

In den letzten Wochen ist Kobane zum Sinnbild des kurdischen Widerstands gegen die islamistischen Extremisten des IS geworden. Abgesehen vom Norden, wo Kobane an die Türkei grenzt, ist es komplett von IS-Truppen eingeschlossen. Ein Großteil der Zivilbevölkerung ist mittlerweile geflohen – fast 200.000 Menschen in den letzten drei Wochen, davon die meisten innerhalb weniger Tage, einmal sogar ca. 70.000 innerhalb von nur 24 Stunden. Dabei hatte Kobane in der Vergangenheit selbst zahlreiche innersyrische Flüchtlinge aufgenommen, da die Stadt lange Zeit als relativ sicher galt. Das hat sich nun geändert; die Stadt soll bis zum letzten Mann und zur letzten Frau (es gibt dort zahlreiche Kämpferinnen; die YPJ ist die Frauenbrigade der YPG, der kurdischen Volksverteidigungseinheit) verteidigt werden. Je stärker die Bedrohung durch den IS, desto größer die Entschlossenheit. Auch viele Menschen ohne jede Kampferfahrung beteiligen sich, wie sie nur können. Wer das Geschehen auf Twitter oder Facebook zu verfolgen versucht, dem werden die unglaublichen Emotionen bewusst, die dahinter stehen: Man sieht dort zahlreiche Bilder einzelner Kämpferinnen und Kämpfer, Bilder von Verwundeten, Verstümmelten und Getöteten, die zu Helden und Märtyrern (v)erklärt werden. Umso schwieriger ist es infolgedessen, an einigermaßen neutrale Informationen zu kommen. Die Berichte der Geflüchteten über den Vormarsch des IS sind dafür umso eindrücklicher.

Zahlreiche Orte in der Region um Kobane herum sind bereits an den IS gefallen (siehe hier und hier). Der IS ist spätestens seit seiner Offensive im Irak für seine Gräueltaten an Andersgläubigen und Minderheiten bekannt. Wenn Kobane fällt, sind also weitere Massaker zu befürchten. Rein militärisch gesehen mag Kobane gar nicht von so zentraler Bedeutung sein (das vermag ich nicht zu beurteilen), doch ist es einer der letzten Orte des Widerstands nördlich der islamistischen de-facto-Hauptstadt Rakka und somit zugleich ein Symbol für den Widerstand gegen den IS sowie eine weitere Front, um die der IS sich kümmern muss. Fällt diese weg, hätte der IS es wohl deutlich leichter, den Nordosten Syriens unter Kontrolle zu bringen und zu halten.

2. Die Stürmung Kobanes findet vor den Augen der ganzen Welt statt

Zwar ist es schwer, an verlässliche Informationen aus Kobane zu kommen, aber gerade durch die Nähe zur türkischen Grenze sind die groben Vorgänge bekannt. Und obwohl die ganze Welt gebannt zuschaut, erhalten die kurdischen Kämpfer keine sinnvolle internationale Unterstützung. Alle überschlagen sich vor Betroffenheit und Sorge, aber weder erhalten die Kämpfer der YPG Waffen und Ausrüstung, noch werden Bodentruppen geschickt. Die USA und Verbündete sind in den letzten Tagen immer wieder Luftangriffe auf Stellungen des IS geflogen, auch um Kobane herum, aber das hat offenbar kaum geholfen. Dies haben die USA am 09. Oktober selbst eingestanden: Langfristiges Ziel sei die dauerhafte Schwächung des IS, nicht die Rettung Kobanes, weshalb der Fokus auf der zerstörung von Infrastruktur und Kommandozentralen des IS läge.
Die Türkei fährt zwar Panzer an der Grenze auf, greift aber nicht ein; stattdessen werden immer wieder Menschen daran gehindert, zur Verteidigung Kobanes die Grenze zu überqueren oder Ausrüstung in die Stadt zu bringen. Da helfen dann auch Beteuerungen des türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu, man würde alles tun, um Kobane zu schützen, nichts mehr, um die wütenden Kurden im eigenen Land zu besänftigen.

Wenn Kobane fällt und es zu den befürchteten Massakern kommt, dann ist es dem IS gelungen, vor den Augen der gesamten Welt ein Blutbad anzurichten. Die Anti-IS-Koalition stünde hilflos und die Türkei tatenlos daneben. Das wäre nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern auch eine politische, und außerdem ein enorm prestigeträchtiger Sieg für den IS, gerade nach der sich abzeichnenden Niederlage im Nordirak.
Besonders ironisch: Der IS beschießt Kobane mit schweren Waffen und Panzern aus amerikanischer Produktion, die sie größtenteils der irakischen Arme abgenommen haben.

3. Der Vormarsch der IS/ISIS/ISIL/Da’esh in Syrien scheint unaufhaltsam

Der syrische Bürgerkrieg dauert mittlerweile fast vier Jahre an. In dieser Zeit ist viel passiert, davon wenig Gutes. Das gilt insbesondere für den Aufstieg immer radikalerer Gruppierungen. Schon seit Langem bekämpfen sich diese auch untereinander, der Kriegsverlauf ist unübersichtlich, die Fronten verändern sich dauernd. Fakt ist, dass die syrische Bevölkerung Hauptleidtragender ist – nicht umsonst hat die Zahl der syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern Ende August die drei Millionen-Marke überschritten, plus ca. 6,5 Millionen innersyrische Flüchtlinge. Viel zu lange hat “der Westen” zugeschaut und einfach gar nichts getan. Die schwachen Versuche der letzten Zeit, die “gemäßigten” Rebellen (also die, die nicht für einen islamistischen Staat kämpfen, sondern “nur” Assad loswerden wollen), zu bewaffnen bzw. auszubilden, kamen viel zu spät.

Die Gruppierung, die sich mittlerweile Islamischer Staat (IS) nennt, wurde bereits 2003 gegründet. Seit Beginn ihres Aufstiegs im syrischen Bürgerkrieg war sie außerhalb der Arabischen Welt zunächst als ISIS bzw. ISIL bekannt (Islamischer Staat im Irak und Syrien bzw. Islamischer Staat im Irak und in der Levante). Ursprünglich war der IS ein Ableger von Al Kaida, von der er sich jedoch schon 2013 lossagte. Auf Gebietsausdehnungen in Syrien folgten Anfang 2013 Angriffe auf Gebiete in der westirakischen Provinz Anbar, im Sommer 2014 dann die große Offensive im Nordirak mit den bekannten Folgen. Im Zuge der Ausrufung des Kalifats am 29. Juni 2014 erfolgte auch die Umbenennung in IS. Seine militärischen Erfolge, seine Radikalität und Brutalität sowie die beängstigend gute finanzielle Lage machen den IS zur momentan gefährlichsten Faktion des syrischen Bürgerkriegs. Gefährlich nicht nur für Assad, sondern insbesondere auch für gemäßigtere Rebellen (was im Vergleich wohl so ziemlich alle sind) und für die Kurden in Rojava.

Im Irak konnte der IS durch Luftangriffe und das Vorrücken der Peshmerga entscheidend geschwächt und zurückgedrängt werden. Doch wenn nun Kobane fällt – und das trotz der Luftangriffe durch die USA & Co. – ist das ein großer Sieg für IS. Damit stünde dem IS der Nordosten Syriens offen, die Jihadisten könnten ihre Schreckensherrschaft konsolidieren und eine neue Machtbasis schaffen. Der IS wird den Sieg zudem gekonnt propagandistisch ausbeuten und für andere Terrororganisationen noch stärker als bisher eine Vorbild- oder gar Partnerrolle einnehmen (siehe hier und hier). Außerdem dürfte die Einnahme eines breiten Streifens im Grenzgebiet zur Türkei die Versorgung des IS noch vereinfachen.

4. Die Türkei könnte auf einen Bürgerkrieg zusteuern

Verständlicherweise findet die kurdische Bevölkerung der Türkei es unmöglich, dass die türkische Regierung nichts unternimmt, um die syrischen Kurden in Kobane zu unterstützen. Zwar hat die Türkei in den letzten Monaten Hunderttausende Flüchtlinge aus der Grenzregion zu Syrien aufgenommen. Dennoch ist ihre Rolle eher unrühmlich: Demonstranten und Reporter an der Grenze wurden mit Gewalt und Tränengas zurückgedrängt, Unterstützung für die YPG in Kobane wird nicht durchgelassen, der Einsatz von Bodentruppen an quasi unerfüllbare Bedingungen geknüpft.

Gewiss, die türkische Regierung befindet sich in einem ausgewachsenen Dilemma. Schließlich ist die YPG der militärische Arm der PYD, der größten kurdischen Partei Syriens, die die Selbstverwaltung Rojavas vorangetrieben und ausgebaut hat – und die gilt nunmal als PKK-nah. Dass die Türkei nicht begeistert darüber ist, eine der PKK nahe stehende Partei zu unterstützen oder mit Waffen auszustatten, ist zwar durchaus verständlich. Aber andererseits geht es hier um tausende Menschenleben, die die YPG im Alleingang zu verteidigen sucht. Dass Erdogan noch vor Kurzem die PKK mit dem IS auf eine Stufe gestellt hat, setzt dem ganzen die Krone auf. Von einer Würdigung des Friedensprozesses mit der PKK, der seit Jahren läuft und in letzter Zeit durchaus Fortschritte gemacht hat, also keine Spur.

Nun ist es einerseits sehr ironisch, dass Kämpfer der YPG im Shingal-Gebirge eine entscheidende Rolle bei der Rettung der vom IS bedrohten Jesiden und Christen im Nordirak spielten. Die Retter der Jesiden werden nun, da sie selber Unterstützung brauchen, also von der internationalen Gemeinschaft sich selbst überlassen. Andererseits hatte es zuletzt aus der Türkei durchaus positive Signale gegeben. Nach der Befreiung zahlreicher türkischer Geiseln – vermutlich gab es einen Gefangenenaustausch – hatte sich die Türkei öffentlich klar gegen den IS positioniert und von einer Beteiligung an der Anti-IS-Koaliton gesprochen. Am 02. Oktober erhielt das Militär die Vollmacht, ohne Parlamentsbeschluss im Grenzgebiet sowie jenseits der syrischen Grenze agieren zu dürfen. Mehrfach sind Panzer an der Grenze nahe Kobane angerückt, schritten jedoch nicht ein.
Am 07. Oktober wiederholten Erdogan und Davutoglu ihre Bedingungen für einen Einsatz von Bodentruppen: Unterstützung für die Türkei, die Stärkung moderater Kräfte in Syrien und eine klar abgestimmte Strategie gegen Assad. Außerdem will die Türkei die Einrichtung einer Flugverbotszone über Syrien sowie eine Schutzzone entlang der Grenze. Gerade die Schutzzone stößt bei vielen Kurden auf wenig Begeisterung, würde eine solche doch eher als türkische Besatzung denn als Schutz empfunden.

Öcalan hat bereits vor einiger Zeit angekündigt, den Friedensprozess zwischen PKK und der türkischen Regierung abzubrechen, sollte Kobane fallen, und vor einigen Tagen erneut ein Ultimatum bis zum 15. Oktober gestellt. Die Vorgänge an der türkisch-syrischen Grenze in den letzten Wochen haben nicht gerade zum Abbau der Spannungen beigetragen. Panzer, die einen Premiumplatz an der Grenze einnehmen, von dem aus sie beobachten können, wie die YPG-Kämpfer zusammengeschossen werden, auch nicht. Entsprechend größer und lauter und sind die Proteste geworden. Auch in Europa kam es in den letzten Tagen zu immer mehr Demonstrationen, die zwar weitgehend friedlich blieben, jedoch zunehmend gewalttätige Züge annahmen. In Hamburg kam es offenbar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und IS-Anhängern. Währenddessen ging es in der Türkei immer gewalttätiger zu: Bei Zusammenstößen zwischen Kurden, IS-Anhängern und Polizei wurden allein vom 07. auf den 08. Oktober 14 Menschen getötet, viele weitere wurden verletzt. Mittlerweile ist die Zahl der Toten auf über 30 gestiegen. Viele Kurden befürchten, die Türkei werde aus Hass auf PKK und YPG erst dann einschreiten, wenn es zu spät ist. Hinzu kommen die Behauptungen, die Türkei würde Unterstützer und Kämpfer des IS in der Türkei und im Grenzgebiet zu Syrien nach wie vor weitgehend unbehelligt agieren lassen. Ich kann nicht sagen, wie viel davon stimmt. Schaut die Türkei dem Fall Kobanes jedenfalls weiterhin passiv zu, wird es im mehrheitlich kurdisch geprägten Osten der Türkei zu immer schlimmeren Ausschreitungen kommen. Den Friedensprozess mit der PKK könnte man höchstwahrscheinlich auf absehbare Zeit vergessen.

5. Die Strategie der USA und ihrer Koalitionspartner geht offensichtlich nicht auf

Auch wenn die Luftangriffe im Irak zu einer deutlichen Entspannung der Lage beigetragen haben – in Syrien scheitert die Strategie der USA. Dies hat verschiedene Gründe. Zunächst einmal lautet Obamas Strategie, die Islamisten zu besiegen ohne eigene “Stiefel auf dem Boden”. Die USA wollen eine Koalition gegen den IS anführen, die lokale Kräfte aus der Luft unterstützt. Für diese Koalition hat Obama diverse Staaten gewonnen, und im Nordirak hat sich die Strategie auch als hilfreich erwiesen.

Die Peshmerga – also die kurdischen Soldaten, die Teil der irakischen Armee sind, jedoch unter direkter Kontrolle der kurdischen Regionalregierung (KRG) stehen – konnten seit dem Beginn ihrer Offensive im September den IS aus weiten Teilen des Nordiraks zurückdrängen. Mittlerweile scheint es sogar in Anbar Fortschritte zu geben. Dies funktioniert deshalb so gut, weil die Amerikaner und Verbündete aus der Luft bombardieren und die Peshmerga am Boden nachrücken können – das Risiko für die Peshmerga ist viel geringer geworden, die Truppen können effektiver verteilt und eingesetzt werden.

Durch diese Fortschritte konnten viele Kämpfer des IS mittlerweile aus dem Irak verdrängt werden. Andererseits bedeutet dies natürlich im Umkehrschluss, dass sich der IS nach Syrien zurückzieht und einen Großteil seiner Kräfte dort gebündelt in die Schlacht um Kobane bzw. in andere Kämpfe dort schicken kann. Die YPG ist im Vergleich zu den Peshmerga, die mittlerweile Waffenlieferungen erhalten haben, deutlich schlechter ausgerüstet und muss sich gegen die militärisch weit überlegenen IS-Kämpfer mit veralteten Waffen und begrenzter Munition zur Wehr setzen.

Die Luftangriffe der Amerikaner haben in der vergangenen Woche kaum genug Schaden angerichtet, um den IS wirkungsvoll von Kobane fern zu halten. Zudem sind diese Luftangriffe zum jetzigen Zeitpunkt gleich in mehrfacher Hinsicht problematisch. Einerseits sind zivile Opfer der Luftschläge unvermeidbar, andererseits ist die Wahl der Angriffsziele schwierig. Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, warum die USA erst jetzt eingreifen, wo der Bürgerkrieg in Syrien schon seit über drei Jahren tobt. Sind die bisherigen Opfer des Krieges ein Eingreifen nicht wert gewesen? Wird Assad aus den Luftangriffen gestärkt hervorgehen? Geht es nicht vielmehr um eigene Interessen als um Menschlichkeit und Werte?
Dies könnte ein verheerendes Zeichen für die arabische Welt sein: Für die Jesiden und Christen im Nordirak wurde eingetreten, die Kurden und Muslime von Kobane wurden lange Zeit weitgehend allein gelassen und dann nur durch offenbar wenig wirksame Luftangriffe unterstützt. Die EU diskutiert noch, anstatt zu handeln; Deutschland unterstützt zwar die Peshmerga, aber nicht die YPG. Dabei hätte die YPG durchaus das Potential, sich zu einem verlässlichen Partner des Westens in Syrien zu entwickeln.

Warum greifen die Peshmerga nicht ein?
Gute Frage, schwer zu beantworten. Ich weiß nicht, inwieweit innen- und außenpolitische Zwänge da Entscheidungen beeinflussen bzw. diktieren. Es wundert mich sehr, dass die Peshmerga der YPG nicht schon früher Unterstützung haben zukommen lassen. Dazu muss man aber wissen, dass die Beziehungen zwischen der PDK und YPG in den letzten Jahren nicht besonders gut waren. Andererseits haben Einheiten der YPG einen entscheidenden Beitrag zur Rettung der Jesiden im Shingal geleistet – eine Revanche erscheint also mehr als angebracht, nun da der IS im Nordirak auf dem Rückzug ist.
Einerseits hörte ich, dass die Amerikaner nicht wollen, dass die Peshmerga nach Syrien ziehen. Europäische Staaten, die Waffen an die Peshmerga geliefert haben, wollen diese Waffen nicht in den Händen der PKK oder ihr nahestehender Gruppen sehen. Inwieweit das entscheidend ist, kann ich nicht beurteilen. Auch hörte ich, dass die YPG bis vor kurzem nicht wollte, dass Peshmerga zur Unterstützung nach Kobane kommen. Auch da weiß nicht, inwieweit das stimmt. Was definitiv wichtig ist: Auch wenn der Irak eine Grenze zu Syrien hat, könnten Peshmerga nicht einfach von Süden her nach Kobane ziehen. Dabei müssten sie sich quer durch das vom IS kontrollierte Gebiet kämpfen, und das über eine Entfernung von gut 70 Kilometern.
Vorgestern Abend las ich, dass der kurdische Präsident Barsani Erdogan darum gebeten hat, Peshmerga über die türkische Grenze nach Kobane gehen zu lassen. Bisher habe er darauf keine Antwort erhalten. Meiner Meinung nach wäre das eine sehr sinnvolle Variante – auch für Erdogan, der sich mit einem beginnenden Bürgerkrieg herumschlagen muss. Ohne selbst eingreifen zu müssen, könnte man Entgegenkommen zeigen und so vielleicht die Kurden wieder etwas besänftigen. Ob Erdogan das allerdings auch so sieht, wage ich zu bezweifeln…
Nachtrag vom 09. Oktober: Offenbar haben KDP und PUK eine Waffenlieferung an die YPG-Kämpfer in Kobane auf den Weg gebracht. Wie die Waffen dort ankommen sollen, wenn die Türkei verhindert, dass Hilfs- und Militärgüter die Grenze passieren, ist mir allerdings nicht ganz klar. Vielleicht schaut die Türkei ja bewusst in die andere Richtung.

Anmerkung: Dieser Blogpost wurde am 8./9. Oktober geschrieben und berücksichtigt die neuen Entwicklungen des 10. Oktober leider noch nicht, da ich keine Zeit dazu hatte. Ich befürchte, wenn ich nochmal überarbeite und mit der Veröffentlichung bis morgen warte, hat sich wieder alles geändert. Es sieht heute sehr, sehr schlecht aus.

Kalifornien verbietet Einweg-Plastiktüten

Kalifornien hat als erster Bundesstaat der USA kostenlose Einweg-Plastiktüten verboten (deutschsprachige Quelle), wie sie dort im Einzelhandel üblich sind. Bisher wird selbstverständlich jeder Einkauf im Supermarkt vom Kassenpersonal in dünne, unbedruckte Plastiktüten verpackt. Diese Plastiktüten können einerseits nicht wiederverwertet werden, andererseits tragen sie einen durchaus beachtlichen Anteil an der Umweltverschmutzung, besonders an der Verschmutzung der Meere durch Plastik. Mit dem Verbot erhofft sich die Regierung eine Reduzierung der Berge an Plastikmüll in Nationalparks, an Stränden und im Meer.

Anstatt der kostenlose Tüten soll es nun ab 2015 wiederverwertbare Plastik- und Papiertüten zu 10 Cent pro Stück zu kaufen geben. Vorerst geht es dabei um “large grocery stores (…) and convenience stores and pharmacies”, also nicht gleich um Geschäfte aller Art. In verschiedenen US-Großstädten besteht ein solches Verbot schon seit längerem. Natürlich warnen nun Plastiktütenhersteller, dass die neue Gesetzgebung tausende Arbeitsplätze kosten würde, und kündigen Proteste an.

Auch in der EU gibt es ähnliche Bestrebungen zur Reduzierung der Zahl dünner Plastiktüten. Umweltminister Altmeier jedoch hatte ein Verbot kostenloser Plastiktüten für Deutschland im April 2013 noch abgelehnt, möchte lieber die Recyclingquote erhöhen. Nun stimmt es, dass es in Deutschland in Supermärkten nicht üblich ist, die Einkäufe komplett in Plastiktüten zu verstauen, insofern ist die Lage hier anders als in den USA. Doch auch wird gerade loses Obst und Gemüse zum Transport vielfach noch in die dünnen Tütchen gepackt. Und auch die landen dann zu häufig in der Natur, in Flüssen und im Meer, wenn sie z.B. von den Mülldeponien weggeweht werden.

Foodwatch und der Preis für die dreisteste Werbelüge des Jahres

Auch dieses Jahr ließ Foodwatch über die dreisteste Werbelüge des Jahres abstimmen. Der “der Goldene Windbeutel” genannte “Preis” geht diesmal an die Alete Trinkmahlzeiten von Nestle, die als gesunde Zwischenmahlzeiten für Babys ab dem 10. Monat beworben werden, obwohl sie hochkalorisch sind und neben Überfütterung auch Kariesbildung fördern. Aus diesen Gründen warnt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) schon seit Jahren vor Trinkbreien für Babys. Daran änderten auch kleinere Rezeptanpassungen seitens der Hersteller nichts.

Für mich ein verdienter Sieg für die Alete Trinkmahlzeiten! Wobei ich die Hühnersuppe ohne Hühnerfleisch von Knorr und das gefärbte Wasser zu 1,80€ pro halber Liter von Coca Cola auch gut fand… Schlimm, dass Hersteller mit solchen Produkten echt noch Absatz finden. Aber die Leute kaufen ja eine Menge völlig überflüssiger Dinge, nur weil eine bestimmte Marke drauf steht, ohne die Werbung zu hinterfragen. Ich verstehe echt nicht, warum man Werbung überhaupt noch Beachtung oder gar Glauben schenkt – es gehört schon eine Menge Dummheit und Abgestumpftheit hinzu, um heutzutage noch zu glauben, dass gewisse Bonbons gesund seien, weil dem Zucker Vitamine zugesetzt wurden. Und ich bin fest davon überzeugt, dass vielen Leuten der Appetit vergehen würde, wenn sie sich mal näher damit auseinander setzen würden, was genau in ihrem Essen alles drin ist.

Wenig überraschend hat Nestle den Goldenen Windbeutel gestern übrigens nicht annehmen wollen :-D

Maliki, ISIS und die Kurden

Atemberaubender Ausblick von den Bergen Richtung Dokan

Atemberaubender Ausblick von den Bergen Richtung Dokan

Dass momentan im Norden des Irak die Hölle los ist, dürfte ja mittlerweile jeder mitbekommen haben. Die schlechten Nachrichten reißen einfach nicht ab, und eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht. Seit ich im Oktober 2011 die Autonome Region Kurdistan besuchen durfte und mich in dieses wunderbare Land verliebt habe, verfolge ich die Ereignisse dort mit zunehmender Sorge. Zwar gab es in den letzten Jahren auch viele gute Nachrichten: Die Sicherheitslage in Kurdistan ist weiterhin sehr gut, besonders im Vergleich zum Irak mit seinen fast täglichen Bombenattentaten. Der Tourismus und die Wirtschaft erleben in den letzten zehn Jahren einen beeindruckenden Boom. In den letzten Monaten gelang der eigene Export von Rohöl durch eine neu gebaute Pipeline durch die Türkei, und die Anzeichen für eine baldige Erklärung der Unabhängigkeit mehren sich stetig.

Blick von der Zitadelle in Erbil

Blick von der Zitadelle in Erbil

Doch in den letzten Monaten überschatten nicht nur der syrische Bürgerkrieg und die daraus resultierenden Flüchtlingsströme nach Kurdistan, sondern insbesondere das Erstarken der islamistischen Organisation ISIS in Syrien und auch im Nordirak all die positiven Entwicklungen für die kurdische Emanzipation von Bagdad. Es begann im Januar mit dem Einmarsch in die Provinz Anbar und mit der Eroberung von Falludja und anderen Städten. Seitdem ist die Zahl der innerirakischen Flüchtlinge explodiert; ein großer Teil dieser Flüchtlinge hat in der Autonomen Region Kurdistan Schutz gesucht.
Seit Mai nun hat die ISIS ihr Operationsgebiet ausgedehnt. Immer neue Meldungen über eroberte Städte erreichen uns hier. Die irakischen Truppen sind nicht bereit und in der Lage, die ISIS aufzuhalten; zu schlecht sind Ausrüstung und Moral der Soldaten, zu unkoordiniert die Verteidigungsstrategien. Vor allem aber hat sich Maliki in den letzten Jahren bei weiten Teilen der Bevölkerung durch seine einseitige Politik zugunsten der schiitischen Bevölkerung derart unbeliebt gemacht, dass viele Soldaten schlichtweg nicht bereit sind, ihr Leben für ihn und seine Regierung aufs Spiel zu setzen.
Mittlerweile hat die ISIS es geschafft, die von ihnen kontrollierten Gebiete in Syrien und im Irak zu einem zusammenhängenden Gebiet auszudehnen. Es ist erschreckend, über wie viele Ressourcen und über wie viel Geld ISIS mittlerweile verfügt, insbesondere seit sie sich auch noch Teile der Ausrüstung der irakischen Armee unter den Nagel reißen konnte. Die Gegenschläge der irakischen Arme bleiben bisher weitgehend wirkungslos, allerdings scheint in den letzten Wochen die Mobilisierung in Bagdad und Umgebung Erfolg zu zeigen. Besonders kritisch für Bagdad: Es verliert die Kontrolle über wichtige Ölfelder, was wirtschaftlich einen harten Schlag bedeutet. Und für Premier Maliki wird die Luft immer dünner. Mittlerweile scheint er zu einer Umbildung der Regierung bereit zu sein, durch die alle drei großen Bevölkerungsgruppen – Sunniten, Schiiten und Kurden – an der Regierung beteiligt werden sollen.

Das Problem an der Berichterstattung zu diesem Thema: Es ist unheimlich schwer, an verlässliche, aktuelle Informationen zu kommen. Zwar berichten etliche deutsche Medien darüber – Spiegel Online z.B. hat sehr viele durchaus gute Artikel dazu -, doch bleiben diese zumeist stark an der Oberfläche: Welche Städte wurden wann erobert? Was sagt Maliki? Was tun die USA?
Wenn man mehr wissen will, ist man aufgeschmissen. Leider sind viel zu wenige Medienvertreter direkt vor Ort, und dadurch gibt es kaum tiefgehende Informationen aus erster Hand. Detailliertere Infos zum Hintergrund und gute Analysen bieten sowohl die Neue Zürcher Zeitung als auch Al Jazeera und der Standard. Es lohnt sich also der Blick in die internationalen Medien. Einblicke in die kurdische Sicht der Lage bietet insbesondere der kurdische Sender Rudaw. Auch über die Homepage der Kurdischen Regionalregierung findet man einiges an Informationen.

Seit letztem Donnerstag nun sind zwei Freunde von mir vor Ort, um sich die Lage von kurdischer Seite aus anzuschauen, Interviews zu führen, Fotos und Videos zu machen. Enno Lenze war schon häufiger in Kurdistan, zuletzt im Februar 2013, um auf die Lage der syrischen Flüchtlinge in kurdischen Flüchtlingscamps aufmerksam zu machen. Enno Heidtmann dreht häufiger in Krisengebieten und hat z.B. die Lage syrischer Flüchtlinge in Jordanien dokumentiert. Dank den beiden habe ich nun bessere Informationen bekommen – natürlich auch nicht die ungefilterte absolute Wahrheit, (die es eh nicht gibt,) aber zumindest einen guten Einblick darin, wie es momentan in Kurdistan aussiehHomepage der Kurdischen Regionalregierungt. Enno Lenze berichtet live bei Twitter, wo sie sich befinden und was sie gerade machen. Jeden Abend gibt es zudem eine Zusammenfassung in seinem Blog, sowohl in einer deutschen als auch in einer englischsprachigen Version.

Für mich ergibt sich aus diesen verschiedenen Informationsquellen momentan folgendes Bild: Während sich im Norden des Irak ISIS immer weiter ausbreitet und die irakischen Soldaten dort sich entweder zurückziehen, flüchten oder zu den kurdischen Streitkräften überlaufen, sieht die Lage in Kurdistan erstaunlich ruhig aus. Dort kann das Leben weitgehend seinen gewohnten Lauf nehmen – sieht man von der momentanen Benzinknappheit (die Reserven wurden an die Front geschafft) und der seit gut zwei Jahren andauernden permanenten Ausnahmesituation durch die Anwesenheit von Hunderttausenden syrischen und irakischen Flüchtlingen einmal ab. Die Sicherheitslage jedenfalls ist gewohnt gut.

ISIS verzichtet weitgehend auf Angriffe der kurdischen Territorien; die Peshmerga können die Grenzen der Autonomen Region Kurdistan halten und sich gegen die islamistischen Rebellen behaupten. Außerdem konnten sie Kirkuk komplett und Mossul zumindest zum großen Teil vor ISIS sichern und damit ihren eigenen Einflussbereich ausdehnen. Beide Städte gehören zum umstrittenen Grenzgebiet zwischen Kurdistan und Irak; die versprochenen Volksentscheide über die Zugehörigkeit zu Kurdistan oder Irak hat Maliki nie durchführen lassen. Kurdistans Peshmerga haben also neue Tatsachen geschaffen, indem sie das kurdische Territorium deutlich ausgedehnt haben, und sie haben nicht vor, diese Gebiete wieder aus der Hand zu geben. Zu sehr hatten sie in den letzten Jahren mit Maliki und seinen gebrochenen Versprechen, den ständig ausfallenden Budgetzahlungen und den Querelen um eigenständige Ölexporte zu kämpfen. Präsident Barzani jedenfalls sieht kaum noch Möglichkeiten, den Irak als Staat zusammenzuhalten. Entsprechend der eigenen negativen Erfahrungen mit der Regierung Malikis gibt es in Kurdistan durchaus auch Sympathien für den gemäßigten Teil der “Rebellen”.

Diese Politik Malikis scheint auch der Grund für das jetzige Versagen seines Sicherheitsapparates zu sein. Schon im Winter gelang es ihm nicht, die Islamisten aus dem Nordwesten des Irak wieder zu vertreiben. Während der neuerlichen Offensive der ISIS offenbart sich nun das volle Ausmaß seiner Schwäche. Dadurch dass er nicht nur die Kurden, sondern auch die sunnitische Bevölkerungsmehrheit im Nordirak seit Jahren sträflich vernachlässigt, hat er in den Gebieten, die nun ISIS für sich beansprucht, jeglichen Rückhalt in der Bevölkerung verloren. Das geht mittlerweile so weit, dass viele Menschen dort ISIS für das kleinere Übel halten. So haben sich mittlerweile diverse eigentlich gemäßigte Rebellengruppen ISIS angeschlossen bzw. kooperieren mit ISIS. Und damit haben wir das gleiche Problem wie wir es auch in Syrien sehen: Im Vergleich zur Unterdrückung durch die bzw. den Herrschenden wird die Unterdrückung durch ISIS als erträglicher empfunden. Dass diese Unterdrückung stattfindet, daran lassen die zahlreichen Berichte über abscheulichen Grausamkeiten wie Massenexekutionen sowie die Flüchtlingsströme nach Kurdistan leider keinen Zweifel. Dass sich diese Gräuel fortsetzen und insbesondere gegen Minderheiten richten werden, sollte es ISIS gelingen, ihre Herrschaft endgültig zu zementieren, steht außer Frage. Nur wie die ISIS dann wieder loswerden?

Doku über die Auswirkungen des syrischen Bürgerkriegs auf den Libanon

Seit Wochen möchte ich nun endlich ausführlich über den Bürgerkrieg in Syrien bloggen, komme aber einfach nicht dazu. Deswegen hier erstmal eine kurze Dokumentation eines Bekannten von mir über die Auswirkungen, die der Krieg und die Massen an Flüchtlingen auf den Libanon haben. Es ist beachtlich, was dieses kleine Land momentan stemmen muss und wie wenig internationale Unterstützung es bekommt! Gleiches gilt für Jordanien und die Autonome Region Kurdistan, die ebenfalls sehr, sehr viele Flüchtlinge aufgenommen haben und noch immer aufnehmen.

Fotos zum Schwebebahn-Zwischenfall am 17.10.2013

Wie hier berichtet, saß ich zusammen mit 74 weiteren Fahrgästen in jener Schwebebahn, die am 17. Oktober 2013 nach dem Abreißen einer Stromschiene auf freier Strecke stehen blieb. Wir wurden von der Feuerwehr per Drehleiter aus der Bahn evakuiert. Die B7, auf die Teile der Stromschiene gestürzt waren, war stundenlang vollgesperrt. Außer einigen Personen mit Schocks blieben sowohl die Fahrgäste der Schwebebahn als auch Autofahrer und Fußgänger auf der B7 unverletzt. Seit dem Unfall steht die Schwebebahn nun still, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Schwebebahnwagen hängt bis nach Abschluss der Begutachtung weiterhin am Unglücksort. Am Dienstag, den 22. Oktober wurde die Unfallstelle wieder freigegeben; mittlerweile wurde mit der Räumung durch die Wuppertaler Stadtwerke begonnen. Hier nun einige Fotos der Unglücksstelle, geschossen am Sonntag, den 20. Oktober 2013.

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Der Blick auf die festhängende Schwebebahn und die herabhängende Starkstromschiene. Die vorderste Tür, durch die wir herausgeholt wurden, steht seit Donnerstag Abend offen. Hinten der Blick auf das Kosice-Ufer sowie die Rückseite des Schauspielhauses und des Parkhauses des Cinemaxx.

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Blick von vorne auf die Schwebebahn. Die Stromschiene hängt noch über der kleinen Brücke bis auf die Kreuzung mit der B7. Vor der Bahn sieht man einen weißen Schienenwagen der WSW; jeweils einer hängt momentan vor bzw. hinter der Bahn. Mit ihnen kann die Bahn bewegt werden.

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Hier sieht man gut, wie sich die abstürzende Stromschiene oberhalb der Fahrerkabine in das Dach der Schwebebahn gebohrt hat. Am hinteren Ende dagegen ist die Schiene links an der Bahn heruntergerutscht und erst am Gelenk in der Mitte seitlich abgerutscht.

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Dein Einschlag der Stromschiene auf dem Geländer des Fußgängerwegs der B7. Neben der fixierten Schiene sieht man deutlich den Einschlag. Die Schiene ist etwa so dick wie mein Unterarm.

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Blick vom Kosice-Ufer aus auf die Bahn, quasi von hinten links. Deutlich sieht man die Stromschiene in die Wupper hinunterhängen. Auch ist gut zu erkennt, welches Glück wir Insassen hatten, dass die Schwebebahn nicht 20m früher zum Stehen gekommen ist, denn in dem Fall hätten wir genau vor der Häuserfront gehangen, sodass der Leiterwagen uns vom Ufer aus nicht mehr hätte erreichen können. Die Feuerwehr hätte uns zwar theoretisch vom Kosice-Ufer aus, also über die linke Seite, erreichen können, doch da die Schwebebahn auf der linken Seite keine Türen hat, wäre das keine Hilfe gewesen. Dann wäre wohl nur der Weg per Hebekran durch die Wupper geblieben.

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Die Bruchkante der Stromschiene über der Wupper, etwa 200m vor der Kreuzung. Rechts neben der Niete ganz oben rechts sieht man die Bruchkante.

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Die Bruchkante der Stromschiene unmittelbar hinter der B7. Wie an einigen anderen Stellen ist der noch hängende Teil der Stromschiene am Gerüst fixiert worden.

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An dieser Hausecke stand der Feuerwehrwagen, über dessen Drehleiter wir evakuiert wurden. Der Korb wurde oberhalb der Dachkante am Baum vorbeigesteuert.

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Dort hinten standen die Rettungswagen und links neben dem Spielplatz der Linienbus, der als Sammellager diente.

Ein Königreich für Winter-Hufeisen!

Eben las ich eine interessante Reportage der BBC über das Scheitern von Napoleons Russland-Feldzug 1812. Dass Napoleon sich und seine Grande Armee bei diesem Feldzug hoffnungslos überschätzt hatte, ist bekannt; dass die Vorbereitung und Durchführung des Feldzugs ein logistisches Desaster waren, ebenfalls. Was ich jedoch nicht wusste: Das i-Tüpfelchen war die schlechte Ausrüstung der zehntausenden Pferde, die für den Transport unerlässlich waren. Denn als der Winter hereinbrach, die erwarteten Erfolge und neue Vorräte jedoch ausblieben, behinderte das Fehlen von Winter-Hufeisen, quasi Hufeisen mit Spikes, die Pferde auf Schnee und Eis. So konnten sie weder Wagen bergauf ziehen noch die Spikes bergab zum Abbremsen benutzen. Neben der schlechten Ernährung kamen nun Unfälle in Schnee und Eis als häufige Todesursache der Tiere hinzu und trugen so wesentlich zum Scheitern der Grande Armee bei.

In der Schwebebahn festgesessen; oder: Ein Abend, den ich so schnell nicht vergessen werde!

Kurzzusammenfassung: Was ist eigentlich passiert?

Am 17.10.2013 um 18:25 Uhr ereignete sich der erste ernsthafte Zwischenfall bei der Wuppertaler Schwebebahn seit 2008. Zwischen den Stationen Kluse und Landgericht löste sich auf einer Länge von etwa 100 Metern die Starkstromschiene, die auf den Gleisen aufliegt und die Schwebebahn mit Strom versorgt, und stürzte in die Wupper sowie auf die viel befahrene B7. Wie durch ein Wunder wurden zwar mehrere parkende sowie ein fahrendes Auto getroffen, jedoch kam die Fahrerin mit einem Schock davon. Ein Fußgänger wurde nur knapp verfehlt. Die Bahn selber blieb auf freier Strecke hängen und die 75 Passagiere, darunter ich, mussten von der Feuerwehr evakuiert werden. Die Evakuierung dauerte bis 21:45 Uhr, die Vollsperrung der B7 bis 24 Uhr. Die Schwebebahn steht für mindestens eine Woche still, während der Schaden behoben und nach den Ursachen geforscht wird. Mittlerweile ermittelt auch die Staatsanwaltschaft.

Ausgangssituation

Es ist selten, dass bei der Schwebebahn ein Unfall passiert. Der schlimmste war der Absturz eines Wagens in die Wupper im Jahr 1999, bei dem fünf Menschen starben. Seitdem machte die Schwebebahn zwar regelmäßig weiter Schlagzeilen, allerdings vor allem wegen des fortschreitenden Umbaus. Doch gestern Abend gab es einen erschreckenden Zwischenfall – und ich war live dabei!

Dabei begann alles ganz harmlos! Wir waren zu dritt auf dem Rückweg von der Schwimmoper, weil unser Training überraschend ausfallen musste. Nachdem wir die Eltern unserer Schwimmkinder abtelefoniert hatten, machten wir uns auf den Heimweg, guter Dinge, weil wir ja deutlich früher nach Hause kommen würden als sonst. Doch weit gefehlt!

Wie wir den Unfall erlebten

Dummerweise entschieden wir uns, mit der Schwebebahn und nicht mit dem Bus zu fahren. Eine Bahn verpassten wir knapp, also nahmen wir die zweite. Wir saßen ganz hinten, waren gut gelaunt und machten Witze, als es plötzlich ein seltsames, lautes Geräusch gab und die Bahn anfing zu ruckeln. Wir drehten uns entsetzt um und sahen, wie sich etwa 30m hinter uns ein etwa armdicker, langer schwarzer Kabelstrang löste und in die Wupper stürzte (später erfuhren wir, dass es sich dabei um die Starkstromschiene gehandelt hatte). In unserer Schwebebahn fiel der Strom aus, die Notbeleuchtung ging an. Den Lichtblitz, der den Stromausfall begleitete, habe ich nicht wahrgenommen, weil ich beobachtete, wie der Kabelstrang hinter uns abstürzte, bis hin zu unserer Bahn. Es ging ein unangenehmes Ruckeln durch die Bahn, sie bremste ab, wir kamen zum Stillstand. Das alles hatte sich in vielleicht 20 Sekunden abgespielt, aber eine solche Angst, wie sie uns alle durchfuhr, habe ich noch nicht erlebt. Wir konnten ja nicht wissen, ob sich da nicht Gerüstteile oder gar etwas an der Schiene gelöst hatte und wir im nächsten Moment abstürzen würden.

Unser Blick nach hinten aus der Bahn - wie Sie sehen, sehen Sie nichts!

Unser Blick nach hinten aus der Bahn – wie Sie sehen, sehen Sie nichts!

Wartezeit in der “festhängenden” Schwebebahn

Da hingen wir nun, in einer stillstehenden Schwebebahn mit Notbeleuchtung, mitten auf freier Strecke. Es war 18:25 Uhr und zum Glück noch nicht ganz dunkel. Zu sehen war nicht viel, der abgerissene Kabelstrang war in der Wupper verschwunden. Die Anwohner der Häuser direkt neben uns am Kosice-Ufer hingen an den Fenstern, machten Handy-Fotos. In Ermangelung einer besseren Idee rief ich erstmal die Polizei an und berichtete von unserer Lage, also dass wir in einer Schwebebahn festsaßen und dass “irgendwas” in die Wupper gestürzt war. Dann fingen wir an, unsere Eltern und andere Angehörige zu informieren. Auch, um ggf. Informationen des Lokalradios mitgeteilt zu bekommen, sobald es welche gab.

Nach der ersten Schrecksekunde beruhigten sich die meisten Menschen schnell wieder. Wir gingen davon aus, dass wir nun nicht mehr abstürzen würden. Allerdings wussten wir ja nach wie vor nicht, was da in die Wupper gestürzt war. Dank eines Anrufs hörten wir dann, dass auch vor uns “etwas” (die Starkstromschiene, wie wir später mitbekamen) auf die B7 geknallt war. Bei uns kam nur an, dass es wohl “Gerüstteile” gewesen seien. Da wird einem dann schon mulmig. Ich beschäftigte mich mit Fotografieren, Gesprächen mit den Mitfahrern und “Liveberichterstattung” bei Facebook. Wir konnten nicht viel sehen, gerade nicht nach vorne und auf die Kreuzung, und hinter uns gab es nichts zu sehen. Die Anwohner am Fenster gegenüber ließen sich von uns anrufen und fragten netterweise nach, wie es uns ginge usw. Als dann neben mir jemand mit Schocksymptomen zusammenbrach, hatte ich auch eine Aufgabe für die nächsten Stunden – da blieb dann keine Zeit mehr zum Nachdenken. Zum Glück war eine Ärztin an Bord, die mir die Erstversorgung abnahm, als ich nicht mehr weiterwusste.

Unser Blick auf die Kreuzung der B7. Alles voller Polizei und Feuerwehr, ansonsten nichts zu erkennen.

Unser Blick auf die Kreuzung der B7. Alles voller Polizei und Feuerwehr, ansonsten nichts zu erkennen.

Massenpanik und Verletzte? Nein!

Unterdessen hatte sich die Kreuzung an der B7, auf die die Stromschiene gestürzt war, mit allen verfügbaren Polizei- und Feuerwehrautos gefüllt. Wir konnten beobachten, wie die Kreuzung nach und nach nach hinten hin geräumt wurde. Wie wir befreit werden würden, wussten wir da noch nicht. Erst als die Feuerwehr gegen 19 Uhr einen der großen Leiterwagen neben dem Eckhaus am Kosice-Ufer parkte, ahnten wir, was uns erwartete. Die ersten Feuerwehrmänner betraten die Bahn wohl gegen 19:10 Uhr.

Gerüchte über eine ausbrechende Panik unter den Passagieren kann ich nicht bestätigen; es stimmt aber, dass einige Menschen mit Schocksymptomen bzw. Hysterie reagierten. Diese Schockreaktionen verstärkten sich mit der Wartezeit, wurden zum Teil durch die Aussicht auf eine wackelige Fahrt im Korb des Leiterwagens noch verschärft. Zum Glück wurden diese Menschen sofort von den ersten Feuerwehrleuten, die an Bord kamen, versorgt und als erste heruntergebracht. Später las ich von insgesamt sechs Personen, die mit Schocksymptomen untersucht wurden, von denen zwei auch im Krankenhaus behandelt wurden. Hinzu kommt die Autofahrerin, deren Wagen von der herabstürzenden Stromschiene getroffen wurde, die zum Glück ebenfalls mit einem Schock davonkam.

Unsere Rettung

Die Feuerwehrmänner, die als erste zu uns an Bord kamen, kümmerten sich zunächst um die Personen mit Schocksymptomen. Danach sollten Kinder, Minderjährige und ältere Menschen herausgeholt werden. Als Begleitung einer der Passagiere mit starken Schocksymptomen gelangte ich als eine der ersten nach draußen, obwohl es mir selber ja gut ging. Mit der Fahrt im Korb ging ein Kindheitstraum in Erfüllung – es war ein atemberaubend schöner Anblick, die angestrahlte Schwebebahn sogar noch von oben betrachten zu können. Ich habe mich glatt geärgert, dass ich in dem Moment keine Kamera zur Hand hatte, aber das wäre angesichts des hysterischen Mädchens neben mir im Korb wohl unpassend gewesen. Endlich gewann ich auch einen gewissen Überblick über die Lage, denn von innen hatten wir ja nur wenig sehen können. Die Fahrt selber war etwas ruckelig, aber wirklich nicht dramatisch.

Unten angekommen wurden wir, sofern nötig, mit Decken versorgt und als erstes registriert. Uns wurde sogar ein “Fundort” zugeteilt! Ich wurde zu meiner Freundin in den Rettungswagen gebracht, wo sich bereits ein Sanitäter um sie kümmerte. Es ging ihr schon etwas besser, aber der Schock saß doch recht tief. Mittlerweile war es etwa 19:25 Uhr (geschätzte Zeit, meine Erinnerungen sind in der Hinsicht etwas unscharf). Die nächsten gut 45 Minuten verbrachten wir im Rettungswagen; der Sanitäter unterhielt sich sehr nett mit uns. Ich telefonierte in der Zeit auch mehrmals mit meiner Familie sowie mit der Mutter meiner Freundin, um alle auf dem neuesten Stand zu halten.

Fundort: Schwebebahn!

Fundort: Schwebebahn!

Die Evakuierung der gesamten Schwebebahn dauerte weit über zwei Stunden; der letzte Fahrgast wurde wohl erst gegen 21:45 Uhr rausgeholt. Dies lag vor allem daran, dass höchstens zwei Personen gleichzeitig mitfahren konnten. Eine Fahrt dauert wohl drei bis vier Minuten: Eine Minute hoch, Menschen einsteigen lassen, langsam wieder runter, Menschen wieder aussteigen lassen. Die Passagiere wurden oben mit Getränken und Decken versorgt; medizinische Betreuung stand, soweit ich weiß, bereit.

Nach Hause

Gegen 20:10 Uhr stiegen wir aus dem Rettungswagen um in den Linienbus, den die Stadtwerke als Sammellager für die Evakuierten bereitgestellt hatten. Es waren noch nicht sehr viele, vielleicht zwanzig, zum Teil handelte es sich aber auch um Angehörige. Wir bekamen Besuch von Oberbürgermeister Peter Jung und dem Geschäftsführer der Wuppertaler Stadtwerke, Ulrich Jaeger. Alle Passagiere und auch die Angehörigen wurden medizinisch betreut, und wer sich fit genug fühlte, um zu gehen, wurde entsprechend registriert und “entlassen”. Nach einiger Zeit wurde für alle Betroffenen und Angehörige ein Shuttle Service zum Hauptbahnhof und zum Barmer Bahnhof eingerichtet. Uns im Bus wurden Wasser und Apfelschorle sowie Süßigkeiten angeboten, worauf ich dankbar zurückkam. Da meine Freundin noch immer sichtlich unter Schock stand, blieben wir bis ca. 21:45 Uhr vor Ort und fuhren dann mit ihrer Mutter weiter ins Krankenhaus.

Oberbürgermeister Peter Jung zu Besuch im Sammellager.

Oberbürgermeister Peter Jung zu Besuch im Sammellager.

Gegen 22:30 Uhr kam ich endlich zu Hause an. Ich hatte den Abend insgesamt gut überstanden – keine Panikattacken, kein Zusammenbruch, keine Angst, vom ersten Schrecken einmal abgesehen. Da war so viel Adrenalin in meinem Körper und es war so viel zu tun, dass gar keine Zeit blieb, um groß nachzudenken. Als ich dann aber endlich zu Hause ankam, war ich doch völlig platt. Sobald das Adrenalin weg war, kam die Erschöpfung. Schlafen konnte ich trotzdem erst viel später, und dann mit wirren Albträumen. Die Details hab ich glücklicherweise wieder vergessen, aber ich weiß genau, dass mir die ganze Geschichte drei Mal und in verschiedenen Varianten durch die Träume gerattert ist.

Fazit

Ich bin sehr froh, dass wir alle heil aus der Schwebebahn rausgekommen sind und dass auch der Autofahrerin und dem Fußgänger auf der B7 nichts Schlimmes passiert ist. Zunächst einmal ein herzliches Dankeschön an alle, die mit uns gebangt und gezittert und uns beigestanden haben! Ich habe eine tolle Familie und tolle Freunde, und sowohl die Feuerwehr als auch die diversen Rettungskräfte vor Ort haben sich alle sehr nett um uns gekümmert!

Und ich war im Fernsehen. In einem Video des WDR bin ich kurz zu sehen, wie ich aus dem Leiterwagen klettere, bei 0:35.

Nun stellt sich natürlich bald die Frage: Was tun, wenn die Schwebebahn wieder fährt? Ich habe mehrere meiner Mitfahrer Sätze sagen hören wie “Ich werde nie mehr Schwebebahn fahren!”. Dem kann ich mich definitiv nicht anschließen. Die Schwebebahn gehört zu Wuppertal, und ein Leben dort ohne sie ist für mich schlichtweg nicht vorstellbar! Klar wird es komisch sein, zum ersten Mal wieder einzusteigen, aber ich sehe keinen Grund darin, mich von einer diffusen Angst beherrschen zu lassen. Sie ist und bleibt eines der sichersten Verkehrsmittel der Welt. Und zumindest statistisch gesehen habe ich für die nächsten Jahrzehnte ausgesorgt: Eigentlich kann mir nun beim Schwebebahn fahren gar nichts mehr passieren! ;-)

Der Unfall in der Presse

Das Interesse der Medien an dem Vorfall war enorm. Noch während wir in der Bahn festsaßen, hatten wir diverse Kameras wahrgenommen. Dass ich beim Verlassen des Korbes gefilmt wurde, war mir allerdings nicht klar.

Diverse Videobeiträge gibt es z.B. beim WDR.

In allen wichtigen online Zeitungen waren Beiträge, sei es nun bei Spiegel Online, beim Focus oder der Süddeutschen. Auch diverse Lokalzeitungen aus ganz Deutschland brachten kurze, teilweise auch recht ausführliche Meldungen.

Am ausführlichsten berichtete die Westdeutsche Zeitung in mehreren Artikeln (z.B. hier und hier) und mit der besten Fotostrecke, die ich bisher vom Unfall gesehen habe. Auch der Westen und die Welt berichteten ausführlich.

Doku über den Völkermord an den Armeniern 1915-17

Vor einigen Tagen sah ich mir bei Youtube die Dokumentation “Aghet – Der Völkermord an den Armeniern” an. Da ich mich vorher noch nie intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, fand ich die Doku sehr interessant, und ich würde sie auch jedem zum Einstieg weiterempfehlen, der sich damit auseinandersetzen möchte.

Die Doku startet recht beschaulich mit einer längeren Einleitung zu den Kontroversen der letzten Jahrzehnte, ausgelöst durch die Weigerung der Türkei, den Völkermord an den Armeniern als solchen anzuerkennen. Es folgt eine (leider sehr kurze) Einführung in den historischen Zusammenhang, also die Ausgangssituation der Türkei zu Beginn des Ersten Weltkriegs sowie die Situation von Minderheiten wie den Armeniern. Die Geschehnisse der Verfolgung, Deportation, Aushungerung und Ermordung Hunderttausender Armenier werden von Zeitzeugenaussagen untermauert und mit originalen Fotos und Filmaufnahmen unterstrichen. Ich bin eigentlich kein Fan von nachgestellten Szenen in Dokus, aber die Idee, Schauspieler in die Rolle der Zeugen schlüpfen und sie ihre Beobachtungen und Erinnerungen ohne großes Brimborium vortragen zu lassen, fand ich sehr gut. Dadurch werden die Ereignisse für den Zuschauer greifbarer, ohne in spekulativen und überkandidelten Szenerien zu enden.

Mein einziger großer Kritikpunkt an der Doku: Es wird davon ausgegangen, dass an der Tatsache, dass es einen Völkermord gab, nicht zu rütteln sei. So weit, so gut – sehe ich ähnlich. Doch leider werden die in der Türkei nach wie vor weit verbreiteten Gegenargumente, den Völkermord als solchen anzuerkennen, nur angerissen und sofort für absurd erklärt, anstatt genauer darauf zu schauen. So erscheint die Gegen-Position “der Türkei” von vornherein lächerlich und unbegründbar – das ist nicht nur eine sehr subjektive Darstellung, sondern schwächt noch dazu die eigene Position. Schließlich ist es immer eine stärkere Begründung, wenn man Gegenargumente einzeln und detailliert entkräftet, als einfach zu sagen “Ihr habt aber Unrecht, weil ich recht habe”.

Mein Fazit: Diese Doku geht unter die Haut, besonders wegen der vielen originalen Fotos und die gut aufbereiteten Zeugenaussagen. Es ist immer wieder bedrückend zu sehen, zu was Menschen fähig sind. Solche Grausamkeit, wie sie im Laufe der menschlichen Geschichte leider millionenfach geschehen ist, ist für uns Mitteleuropäer größtenteils unbegreiflich geworden. Wir haben so viel Glück, dass unsere Lebenswirklichkeit heute ganz anders aussieht. Ich wünschte nur, ich könnte das gleiche über die ganze Welt sagen…

Nachtrag zum Monsanto-Schwindel

Wie ich in diesem Post vor einigen Monaten schon schrieb, war die Freude über den angeblichen Rückzug Monsantos aus Europa verfrüht. Mittlerweile hat sich bestätigt, dass die EU-Kommission der Zufuhr von Monsantos gentechnisch veränderter Maissorte SmartStax im Oktober zustimmen wird. Somit wäre zwar nicht der Anbau, wohl aber der Import dieser Maissorte möglich. Über das Tierfutter und die direkte Verwendung in der Lebensmittelindustrie würde dieser genmanipulierte Mais dann wohl auch auf unseren Tellern landen. Dabei ist die Unbedenklichkeit dieser Maissorte keineswegs belegt: Die Pflanze ist wohl nicht nur gegen verschiedenen Gifte resistent, sondern kann sogar selbst Gift gegen verschiedene Insekten bilden. Das mag für den Landwirt praktisch sein, der sich nicht mehr so intensiv um die Schädlingsbekämpfung kümmern muss, kann aber auch langfristig große Risiken für Tier- und Umwelt bergen. Die Auswirkungen des Verzehrs einer solchen Maissorte auf den Menschen ist nicht untersucht. Dennoch hält es die EU nicht einmal für nötig, eine eigene Fütterungsstudie durchzuführen. Damit zeigt sich einmal mehr, dass der EU-Kommission die Zusammenarbeit mit Agrarriesen wie Monsanto wichtiger ist als der Schutz der europäischen Verbraucher.

Ein Detail am Rande, das Monsanto noch unsympathischer macht: Es hat wohl zischen 2008 und 2010 Total Intelligence, eine Tochterfirma der berüchtigten Blackwater USA, eingesetzt, um Aktivisten auszuspionieren. Blackwater ist die private Sicherheitsfirma, die von den USA als Söldner im Irakkrieg eingesetzt wurden und die sich durch Übergriffe auf Zivilisten eine traurige Berühmtheit verschafft haben. Mittlerweile existiert Blackwater nicht mehr, doch seine Tochterfirmen und ehemalige Konkurrenten sind weiterhin im Geschäft.
Nachtrag: Die Verbindungen zu Blackwater könnten sogar noch weitergehen. So kursiert seit einiger Zeit die Vermutung, dass Monsanto Academi, die Nachfolgeorganisation Blackwaters, aufgekauft haben soll. Ich weiß allerdings, inwieweit das stimmen kann.