Kampf um Kobane

In den letzten Tagen drehen sich die Nachrichten auf einmal zu einem nicht geringen Anteil um Kobane, eine Stadt, die den meisten Deutschen bis dato unbekannt gewesen sein dürfte. Seit vorgestern gibt es in ganz Europa zahlreiche Demonstrationen, die (noch) größtenteils friedlich ablaufen, die jedoch besonders in der Türkei schon zu heftigen Zusammenstößen zwischen (kurdischen) Demonstranten und der türkischen Polizei geführt haben. Nun mag sich dem europäischen Leser die Frage stellen: Warum der ganze Stress? Es ist Krieg, Krieg ist halt scheiße, ist doch nur eine weitere Stadt, die fällt. Aber diese Argumentation greift in vielerlei Hinsicht zu kurz. Mal ganz abgesehen davon, dass es hier um tausende unschuldige Menschenleben geht…

1. Kobane hat eine große symbolische Bedeutung

Kobane ist eine größtenteils von Kurden bewohnte syrische Stadt, die fast unmittelbar an der Grenze zur Türkei liegt. Ihr arabischer Name lautet Ain al-Arab. Einerseits ist die Stadt Zentrum der in den letzten Jahren selbst aufgebauten und weitgehend autonomen Verwaltung der kurdischen Region im Nordosten Syriens, Rojava genannt. Diese kurdische Selbstverwaltung hatte sich im Laufe des Bürgerkriegs herausgebildet, wurde von Assad mehr oder weniger geduldet und bot im Nordosten Syriens zumindest einen gewissen Schutz vor den immer extremer werdenden Rebellengruppen. Dieser gute Artikel der Zeit vom März diesen Jahres liefert hierzu eine Menge Infos.

In den letzten Wochen ist Kobane zum Sinnbild des kurdischen Widerstands gegen die islamistischen Extremisten des IS geworden. Abgesehen vom Norden, wo Kobane an die Türkei grenzt, ist es komplett von IS-Truppen eingeschlossen. Ein Großteil der Zivilbevölkerung ist mittlerweile geflohen – fast 200.000 Menschen in den letzten drei Wochen, davon die meisten innerhalb weniger Tage, einmal sogar ca. 70.000 innerhalb von nur 24 Stunden. Dabei hatte Kobane in der Vergangenheit selbst zahlreiche innersyrische Flüchtlinge aufgenommen, da die Stadt lange Zeit als relativ sicher galt. Das hat sich nun geändert; die Stadt soll bis zum letzten Mann und zur letzten Frau (es gibt dort zahlreiche Kämpferinnen; die YPJ ist die Frauenbrigade der YPG, der kurdischen Volksverteidigungseinheit) verteidigt werden. Je stärker die Bedrohung durch den IS, desto größer die Entschlossenheit. Auch viele Menschen ohne jede Kampferfahrung beteiligen sich, wie sie nur können. Wer das Geschehen auf Twitter oder Facebook zu verfolgen versucht, dem werden die unglaublichen Emotionen bewusst, die dahinter stehen: Man sieht dort zahlreiche Bilder einzelner Kämpferinnen und Kämpfer, Bilder von Verwundeten, Verstümmelten und Getöteten, die zu Helden und Märtyrern (v)erklärt werden. Umso schwieriger ist es infolgedessen, an einigermaßen neutrale Informationen zu kommen. Die Berichte der Geflüchteten über den Vormarsch des IS sind dafür umso eindrücklicher.

Zahlreiche Orte in der Region um Kobane herum sind bereits an den IS gefallen (siehe hier und hier). Der IS ist spätestens seit seiner Offensive im Irak für seine Gräueltaten an Andersgläubigen und Minderheiten bekannt. Wenn Kobane fällt, sind also weitere Massaker zu befürchten. Rein militärisch gesehen mag Kobane gar nicht von so zentraler Bedeutung sein (das vermag ich nicht zu beurteilen), doch ist es einer der letzten Orte des Widerstands nördlich der islamistischen de-facto-Hauptstadt Rakka und somit zugleich ein Symbol für den Widerstand gegen den IS sowie eine weitere Front, um die der IS sich kümmern muss. Fällt diese weg, hätte der IS es wohl deutlich leichter, den Nordosten Syriens unter Kontrolle zu bringen und zu halten.

2. Die Stürmung Kobanes findet vor den Augen der ganzen Welt statt

Zwar ist es schwer, an verlässliche Informationen aus Kobane zu kommen, aber gerade durch die Nähe zur türkischen Grenze sind die groben Vorgänge bekannt. Und obwohl die ganze Welt gebannt zuschaut, erhalten die kurdischen Kämpfer keine sinnvolle internationale Unterstützung. Alle überschlagen sich vor Betroffenheit und Sorge, aber weder erhalten die Kämpfer der YPG Waffen und Ausrüstung, noch werden Bodentruppen geschickt. Die USA und Verbündete sind in den letzten Tagen immer wieder Luftangriffe auf Stellungen des IS geflogen, auch um Kobane herum, aber das hat offenbar kaum geholfen. Dies haben die USA am 09. Oktober selbst eingestanden: Langfristiges Ziel sei die dauerhafte Schwächung des IS, nicht die Rettung Kobanes, weshalb der Fokus auf der zerstörung von Infrastruktur und Kommandozentralen des IS läge.
Die Türkei fährt zwar Panzer an der Grenze auf, greift aber nicht ein; stattdessen werden immer wieder Menschen daran gehindert, zur Verteidigung Kobanes die Grenze zu überqueren oder Ausrüstung in die Stadt zu bringen. Da helfen dann auch Beteuerungen des türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu, man würde alles tun, um Kobane zu schützen, nichts mehr, um die wütenden Kurden im eigenen Land zu besänftigen.

Wenn Kobane fällt und es zu den befürchteten Massakern kommt, dann ist es dem IS gelungen, vor den Augen der gesamten Welt ein Blutbad anzurichten. Die Anti-IS-Koalition stünde hilflos und die Türkei tatenlos daneben. Das wäre nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern auch eine politische, und außerdem ein enorm prestigeträchtiger Sieg für den IS, gerade nach der sich abzeichnenden Niederlage im Nordirak.
Besonders ironisch: Der IS beschießt Kobane mit schweren Waffen und Panzern aus amerikanischer Produktion, die sie größtenteils der irakischen Arme abgenommen haben.

3. Der Vormarsch der IS/ISIS/ISIL/Da’esh in Syrien scheint unaufhaltsam

Der syrische Bürgerkrieg dauert mittlerweile fast vier Jahre an. In dieser Zeit ist viel passiert, davon wenig Gutes. Das gilt insbesondere für den Aufstieg immer radikalerer Gruppierungen. Schon seit Langem bekämpfen sich diese auch untereinander, der Kriegsverlauf ist unübersichtlich, die Fronten verändern sich dauernd. Fakt ist, dass die syrische Bevölkerung Hauptleidtragender ist – nicht umsonst hat die Zahl der syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern Ende August die drei Millionen-Marke überschritten, plus ca. 6,5 Millionen innersyrische Flüchtlinge. Viel zu lange hat “der Westen” zugeschaut und einfach gar nichts getan. Die schwachen Versuche der letzten Zeit, die “gemäßigten” Rebellen (also die, die nicht für einen islamistischen Staat kämpfen, sondern “nur” Assad loswerden wollen), zu bewaffnen bzw. auszubilden, kamen viel zu spät.

Die Gruppierung, die sich mittlerweile Islamischer Staat (IS) nennt, wurde bereits 2003 gegründet. Seit Beginn ihres Aufstiegs im syrischen Bürgerkrieg war sie außerhalb der Arabischen Welt zunächst als ISIS bzw. ISIL bekannt (Islamischer Staat im Irak und Syrien bzw. Islamischer Staat im Irak und in der Levante). Ursprünglich war der IS ein Ableger von Al Kaida, von der er sich jedoch schon 2013 lossagte. Auf Gebietsausdehnungen in Syrien folgten Anfang 2013 Angriffe auf Gebiete in der westirakischen Provinz Anbar, im Sommer 2014 dann die große Offensive im Nordirak mit den bekannten Folgen. Im Zuge der Ausrufung des Kalifats am 29. Juni 2014 erfolgte auch die Umbenennung in IS. Seine militärischen Erfolge, seine Radikalität und Brutalität sowie die beängstigend gute finanzielle Lage machen den IS zur momentan gefährlichsten Faktion des syrischen Bürgerkriegs. Gefährlich nicht nur für Assad, sondern insbesondere auch für gemäßigtere Rebellen (was im Vergleich wohl so ziemlich alle sind) und für die Kurden in Rojava.

Im Irak konnte der IS durch Luftangriffe und das Vorrücken der Peshmerga entscheidend geschwächt und zurückgedrängt werden. Doch wenn nun Kobane fällt – und das trotz der Luftangriffe durch die USA & Co. – ist das ein großer Sieg für IS. Damit stünde dem IS der Nordosten Syriens offen, die Jihadisten könnten ihre Schreckensherrschaft konsolidieren und eine neue Machtbasis schaffen. Der IS wird den Sieg zudem gekonnt propagandistisch ausbeuten und für andere Terrororganisationen noch stärker als bisher eine Vorbild- oder gar Partnerrolle einnehmen (siehe hier und hier). Außerdem dürfte die Einnahme eines breiten Streifens im Grenzgebiet zur Türkei die Versorgung des IS noch vereinfachen.

4. Die Türkei könnte auf einen Bürgerkrieg zusteuern

Verständlicherweise findet die kurdische Bevölkerung der Türkei es unmöglich, dass die türkische Regierung nichts unternimmt, um die syrischen Kurden in Kobane zu unterstützen. Zwar hat die Türkei in den letzten Monaten Hunderttausende Flüchtlinge aus der Grenzregion zu Syrien aufgenommen. Dennoch ist ihre Rolle eher unrühmlich: Demonstranten und Reporter an der Grenze wurden mit Gewalt und Tränengas zurückgedrängt, Unterstützung für die YPG in Kobane wird nicht durchgelassen, der Einsatz von Bodentruppen an quasi unerfüllbare Bedingungen geknüpft.

Gewiss, die türkische Regierung befindet sich in einem ausgewachsenen Dilemma. Schließlich ist die YPG der militärische Arm der PYD, der größten kurdischen Partei Syriens, die die Selbstverwaltung Rojavas vorangetrieben und ausgebaut hat – und die gilt nunmal als PKK-nah. Dass die Türkei nicht begeistert darüber ist, eine der PKK nahe stehende Partei zu unterstützen oder mit Waffen auszustatten, ist zwar durchaus verständlich. Aber andererseits geht es hier um tausende Menschenleben, die die YPG im Alleingang zu verteidigen sucht. Dass Erdogan noch vor Kurzem die PKK mit dem IS auf eine Stufe gestellt hat, setzt dem ganzen die Krone auf. Von einer Würdigung des Friedensprozesses mit der PKK, der seit Jahren läuft und in letzter Zeit durchaus Fortschritte gemacht hat, also keine Spur.

Nun ist es einerseits sehr ironisch, dass Kämpfer der YPG im Shingal-Gebirge eine entscheidende Rolle bei der Rettung der vom IS bedrohten Jesiden und Christen im Nordirak spielten. Die Retter der Jesiden werden nun, da sie selber Unterstützung brauchen, also von der internationalen Gemeinschaft sich selbst überlassen. Andererseits hatte es zuletzt aus der Türkei durchaus positive Signale gegeben. Nach der Befreiung zahlreicher türkischer Geiseln – vermutlich gab es einen Gefangenenaustausch – hatte sich die Türkei öffentlich klar gegen den IS positioniert und von einer Beteiligung an der Anti-IS-Koaliton gesprochen. Am 02. Oktober erhielt das Militär die Vollmacht, ohne Parlamentsbeschluss im Grenzgebiet sowie jenseits der syrischen Grenze agieren zu dürfen. Mehrfach sind Panzer an der Grenze nahe Kobane angerückt, schritten jedoch nicht ein.
Am 07. Oktober wiederholten Erdogan und Davutoglu ihre Bedingungen für einen Einsatz von Bodentruppen: Unterstützung für die Türkei, die Stärkung moderater Kräfte in Syrien und eine klar abgestimmte Strategie gegen Assad. Außerdem will die Türkei die Einrichtung einer Flugverbotszone über Syrien sowie eine Schutzzone entlang der Grenze. Gerade die Schutzzone stößt bei vielen Kurden auf wenig Begeisterung, würde eine solche doch eher als türkische Besatzung denn als Schutz empfunden.

Öcalan hat bereits vor einiger Zeit angekündigt, den Friedensprozess zwischen PKK und der türkischen Regierung abzubrechen, sollte Kobane fallen, und vor einigen Tagen erneut ein Ultimatum bis zum 15. Oktober gestellt. Die Vorgänge an der türkisch-syrischen Grenze in den letzten Wochen haben nicht gerade zum Abbau der Spannungen beigetragen. Panzer, die einen Premiumplatz an der Grenze einnehmen, von dem aus sie beobachten können, wie die YPG-Kämpfer zusammengeschossen werden, auch nicht. Entsprechend größer und lauter und sind die Proteste geworden. Auch in Europa kam es in den letzten Tagen zu immer mehr Demonstrationen, die zwar weitgehend friedlich blieben, jedoch zunehmend gewalttätige Züge annahmen. In Hamburg kam es offenbar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und IS-Anhängern. Währenddessen ging es in der Türkei immer gewalttätiger zu: Bei Zusammenstößen zwischen Kurden, IS-Anhängern und Polizei wurden allein vom 07. auf den 08. Oktober 14 Menschen getötet, viele weitere wurden verletzt. Mittlerweile ist die Zahl der Toten auf über 30 gestiegen. Viele Kurden befürchten, die Türkei werde aus Hass auf PKK und YPG erst dann einschreiten, wenn es zu spät ist. Hinzu kommen die Behauptungen, die Türkei würde Unterstützer und Kämpfer des IS in der Türkei und im Grenzgebiet zu Syrien nach wie vor weitgehend unbehelligt agieren lassen. Ich kann nicht sagen, wie viel davon stimmt. Schaut die Türkei dem Fall Kobanes jedenfalls weiterhin passiv zu, wird es im mehrheitlich kurdisch geprägten Osten der Türkei zu immer schlimmeren Ausschreitungen kommen. Den Friedensprozess mit der PKK könnte man höchstwahrscheinlich auf absehbare Zeit vergessen.

5. Die Strategie der USA und ihrer Koalitionspartner geht offensichtlich nicht auf

Auch wenn die Luftangriffe im Irak zu einer deutlichen Entspannung der Lage beigetragen haben – in Syrien scheitert die Strategie der USA. Dies hat verschiedene Gründe. Zunächst einmal lautet Obamas Strategie, die Islamisten zu besiegen ohne eigene “Stiefel auf dem Boden”. Die USA wollen eine Koalition gegen den IS anführen, die lokale Kräfte aus der Luft unterstützt. Für diese Koalition hat Obama diverse Staaten gewonnen, und im Nordirak hat sich die Strategie auch als hilfreich erwiesen.

Die Peshmerga – also die kurdischen Soldaten, die Teil der irakischen Armee sind, jedoch unter direkter Kontrolle der kurdischen Regionalregierung (KRG) stehen – konnten seit dem Beginn ihrer Offensive im September den IS aus weiten Teilen des Nordiraks zurückdrängen. Mittlerweile scheint es sogar in Anbar Fortschritte zu geben. Dies funktioniert deshalb so gut, weil die Amerikaner und Verbündete aus der Luft bombardieren und die Peshmerga am Boden nachrücken können – das Risiko für die Peshmerga ist viel geringer geworden, die Truppen können effektiver verteilt und eingesetzt werden.

Durch diese Fortschritte konnten viele Kämpfer des IS mittlerweile aus dem Irak verdrängt werden. Andererseits bedeutet dies natürlich im Umkehrschluss, dass sich der IS nach Syrien zurückzieht und einen Großteil seiner Kräfte dort gebündelt in die Schlacht um Kobane bzw. in andere Kämpfe dort schicken kann. Die YPG ist im Vergleich zu den Peshmerga, die mittlerweile Waffenlieferungen erhalten haben, deutlich schlechter ausgerüstet und muss sich gegen die militärisch weit überlegenen IS-Kämpfer mit veralteten Waffen und begrenzter Munition zur Wehr setzen.

Die Luftangriffe der Amerikaner haben in der vergangenen Woche kaum genug Schaden angerichtet, um den IS wirkungsvoll von Kobane fern zu halten. Zudem sind diese Luftangriffe zum jetzigen Zeitpunkt gleich in mehrfacher Hinsicht problematisch. Einerseits sind zivile Opfer der Luftschläge unvermeidbar, andererseits ist die Wahl der Angriffsziele schwierig. Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, warum die USA erst jetzt eingreifen, wo der Bürgerkrieg in Syrien schon seit über drei Jahren tobt. Sind die bisherigen Opfer des Krieges ein Eingreifen nicht wert gewesen? Wird Assad aus den Luftangriffen gestärkt hervorgehen? Geht es nicht vielmehr um eigene Interessen als um Menschlichkeit und Werte?
Dies könnte ein verheerendes Zeichen für die arabische Welt sein: Für die Jesiden und Christen im Nordirak wurde eingetreten, die Kurden und Muslime von Kobane wurden lange Zeit weitgehend allein gelassen und dann nur durch offenbar wenig wirksame Luftangriffe unterstützt. Die EU diskutiert noch, anstatt zu handeln; Deutschland unterstützt zwar die Peshmerga, aber nicht die YPG. Dabei hätte die YPG durchaus das Potential, sich zu einem verlässlichen Partner des Westens in Syrien zu entwickeln.

Warum greifen die Peshmerga nicht ein?
Gute Frage, schwer zu beantworten. Ich weiß nicht, inwieweit innen- und außenpolitische Zwänge da Entscheidungen beeinflussen bzw. diktieren. Es wundert mich sehr, dass die Peshmerga der YPG nicht schon früher Unterstützung haben zukommen lassen. Dazu muss man aber wissen, dass die Beziehungen zwischen der PDK und YPG in den letzten Jahren nicht besonders gut waren. Andererseits haben Einheiten der YPG einen entscheidenden Beitrag zur Rettung der Jesiden im Shingal geleistet – eine Revanche erscheint also mehr als angebracht, nun da der IS im Nordirak auf dem Rückzug ist.
Einerseits hörte ich, dass die Amerikaner nicht wollen, dass die Peshmerga nach Syrien ziehen. Europäische Staaten, die Waffen an die Peshmerga geliefert haben, wollen diese Waffen nicht in den Händen der PKK oder ihr nahestehender Gruppen sehen. Inwieweit das entscheidend ist, kann ich nicht beurteilen. Auch hörte ich, dass die YPG bis vor kurzem nicht wollte, dass Peshmerga zur Unterstützung nach Kobane kommen. Auch da weiß nicht, inwieweit das stimmt. Was definitiv wichtig ist: Auch wenn der Irak eine Grenze zu Syrien hat, könnten Peshmerga nicht einfach von Süden her nach Kobane ziehen. Dabei müssten sie sich quer durch das vom IS kontrollierte Gebiet kämpfen, und das über eine Entfernung von gut 70 Kilometern.
Vorgestern Abend las ich, dass der kurdische Präsident Barsani Erdogan darum gebeten hat, Peshmerga über die türkische Grenze nach Kobane gehen zu lassen. Bisher habe er darauf keine Antwort erhalten. Meiner Meinung nach wäre das eine sehr sinnvolle Variante – auch für Erdogan, der sich mit einem beginnenden Bürgerkrieg herumschlagen muss. Ohne selbst eingreifen zu müssen, könnte man Entgegenkommen zeigen und so vielleicht die Kurden wieder etwas besänftigen. Ob Erdogan das allerdings auch so sieht, wage ich zu bezweifeln…
Nachtrag vom 09. Oktober: Offenbar haben KDP und PUK eine Waffenlieferung an die YPG-Kämpfer in Kobane auf den Weg gebracht. Wie die Waffen dort ankommen sollen, wenn die Türkei verhindert, dass Hilfs- und Militärgüter die Grenze passieren, ist mir allerdings nicht ganz klar. Vielleicht schaut die Türkei ja bewusst in die andere Richtung.

Anmerkung: Dieser Blogpost wurde am 8./9. Oktober geschrieben und berücksichtigt die neuen Entwicklungen des 10. Oktober leider noch nicht, da ich keine Zeit dazu hatte. Ich befürchte, wenn ich nochmal überarbeite und mit der Veröffentlichung bis morgen warte, hat sich wieder alles geändert. Es sieht heute sehr, sehr schlecht aus.

Maliki, ISIS und die Kurden

Atemberaubender Ausblick von den Bergen Richtung Dokan

Atemberaubender Ausblick von den Bergen Richtung Dokan

Dass momentan im Norden des Irak die Hölle los ist, dürfte ja mittlerweile jeder mitbekommen haben. Die schlechten Nachrichten reißen einfach nicht ab, und eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht. Seit ich im Oktober 2011 die Autonome Region Kurdistan besuchen durfte und mich in dieses wunderbare Land verliebt habe, verfolge ich die Ereignisse dort mit zunehmender Sorge. Zwar gab es in den letzten Jahren auch viele gute Nachrichten: Die Sicherheitslage in Kurdistan ist weiterhin sehr gut, besonders im Vergleich zum Irak mit seinen fast täglichen Bombenattentaten. Der Tourismus und die Wirtschaft erleben in den letzten zehn Jahren einen beeindruckenden Boom. In den letzten Monaten gelang der eigene Export von Rohöl durch eine neu gebaute Pipeline durch die Türkei, und die Anzeichen für eine baldige Erklärung der Unabhängigkeit mehren sich stetig.

Blick von der Zitadelle in Erbil

Blick von der Zitadelle in Erbil

Doch in den letzten Monaten überschatten nicht nur der syrische Bürgerkrieg und die daraus resultierenden Flüchtlingsströme nach Kurdistan, sondern insbesondere das Erstarken der islamistischen Organisation ISIS in Syrien und auch im Nordirak all die positiven Entwicklungen für die kurdische Emanzipation von Bagdad. Es begann im Januar mit dem Einmarsch in die Provinz Anbar und mit der Eroberung von Falludja und anderen Städten. Seitdem ist die Zahl der innerirakischen Flüchtlinge explodiert; ein großer Teil dieser Flüchtlinge hat in der Autonomen Region Kurdistan Schutz gesucht.
Seit Mai nun hat die ISIS ihr Operationsgebiet ausgedehnt. Immer neue Meldungen über eroberte Städte erreichen uns hier. Die irakischen Truppen sind nicht bereit und in der Lage, die ISIS aufzuhalten; zu schlecht sind Ausrüstung und Moral der Soldaten, zu unkoordiniert die Verteidigungsstrategien. Vor allem aber hat sich Maliki in den letzten Jahren bei weiten Teilen der Bevölkerung durch seine einseitige Politik zugunsten der schiitischen Bevölkerung derart unbeliebt gemacht, dass viele Soldaten schlichtweg nicht bereit sind, ihr Leben für ihn und seine Regierung aufs Spiel zu setzen.
Mittlerweile hat die ISIS es geschafft, die von ihnen kontrollierten Gebiete in Syrien und im Irak zu einem zusammenhängenden Gebiet auszudehnen. Es ist erschreckend, über wie viele Ressourcen und über wie viel Geld ISIS mittlerweile verfügt, insbesondere seit sie sich auch noch Teile der Ausrüstung der irakischen Armee unter den Nagel reißen konnte. Die Gegenschläge der irakischen Arme bleiben bisher weitgehend wirkungslos, allerdings scheint in den letzten Wochen die Mobilisierung in Bagdad und Umgebung Erfolg zu zeigen. Besonders kritisch für Bagdad: Es verliert die Kontrolle über wichtige Ölfelder, was wirtschaftlich einen harten Schlag bedeutet. Und für Premier Maliki wird die Luft immer dünner. Mittlerweile scheint er zu einer Umbildung der Regierung bereit zu sein, durch die alle drei großen Bevölkerungsgruppen – Sunniten, Schiiten und Kurden – an der Regierung beteiligt werden sollen.

Das Problem an der Berichterstattung zu diesem Thema: Es ist unheimlich schwer, an verlässliche, aktuelle Informationen zu kommen. Zwar berichten etliche deutsche Medien darüber – Spiegel Online z.B. hat sehr viele durchaus gute Artikel dazu -, doch bleiben diese zumeist stark an der Oberfläche: Welche Städte wurden wann erobert? Was sagt Maliki? Was tun die USA?
Wenn man mehr wissen will, ist man aufgeschmissen. Leider sind viel zu wenige Medienvertreter direkt vor Ort, und dadurch gibt es kaum tiefgehende Informationen aus erster Hand. Detailliertere Infos zum Hintergrund und gute Analysen bieten sowohl die Neue Zürcher Zeitung als auch Al Jazeera und der Standard. Es lohnt sich also der Blick in die internationalen Medien. Einblicke in die kurdische Sicht der Lage bietet insbesondere der kurdische Sender Rudaw. Auch über die Homepage der Kurdischen Regionalregierung findet man einiges an Informationen.

Seit letztem Donnerstag nun sind zwei Freunde von mir vor Ort, um sich die Lage von kurdischer Seite aus anzuschauen, Interviews zu führen, Fotos und Videos zu machen. Enno Lenze war schon häufiger in Kurdistan, zuletzt im Februar 2013, um auf die Lage der syrischen Flüchtlinge in kurdischen Flüchtlingscamps aufmerksam zu machen. Enno Heidtmann dreht häufiger in Krisengebieten und hat z.B. die Lage syrischer Flüchtlinge in Jordanien dokumentiert. Dank den beiden habe ich nun bessere Informationen bekommen – natürlich auch nicht die ungefilterte absolute Wahrheit, (die es eh nicht gibt,) aber zumindest einen guten Einblick darin, wie es momentan in Kurdistan aussiehHomepage der Kurdischen Regionalregierungt. Enno Lenze berichtet live bei Twitter, wo sie sich befinden und was sie gerade machen. Jeden Abend gibt es zudem eine Zusammenfassung in seinem Blog, sowohl in einer deutschen als auch in einer englischsprachigen Version.

Für mich ergibt sich aus diesen verschiedenen Informationsquellen momentan folgendes Bild: Während sich im Norden des Irak ISIS immer weiter ausbreitet und die irakischen Soldaten dort sich entweder zurückziehen, flüchten oder zu den kurdischen Streitkräften überlaufen, sieht die Lage in Kurdistan erstaunlich ruhig aus. Dort kann das Leben weitgehend seinen gewohnten Lauf nehmen – sieht man von der momentanen Benzinknappheit (die Reserven wurden an die Front geschafft) und der seit gut zwei Jahren andauernden permanenten Ausnahmesituation durch die Anwesenheit von Hunderttausenden syrischen und irakischen Flüchtlingen einmal ab. Die Sicherheitslage jedenfalls ist gewohnt gut.

ISIS verzichtet weitgehend auf Angriffe der kurdischen Territorien; die Peshmerga können die Grenzen der Autonomen Region Kurdistan halten und sich gegen die islamistischen Rebellen behaupten. Außerdem konnten sie Kirkuk komplett und Mossul zumindest zum großen Teil vor ISIS sichern und damit ihren eigenen Einflussbereich ausdehnen. Beide Städte gehören zum umstrittenen Grenzgebiet zwischen Kurdistan und Irak; die versprochenen Volksentscheide über die Zugehörigkeit zu Kurdistan oder Irak hat Maliki nie durchführen lassen. Kurdistans Peshmerga haben also neue Tatsachen geschaffen, indem sie das kurdische Territorium deutlich ausgedehnt haben, und sie haben nicht vor, diese Gebiete wieder aus der Hand zu geben. Zu sehr hatten sie in den letzten Jahren mit Maliki und seinen gebrochenen Versprechen, den ständig ausfallenden Budgetzahlungen und den Querelen um eigenständige Ölexporte zu kämpfen. Präsident Barzani jedenfalls sieht kaum noch Möglichkeiten, den Irak als Staat zusammenzuhalten. Entsprechend der eigenen negativen Erfahrungen mit der Regierung Malikis gibt es in Kurdistan durchaus auch Sympathien für den gemäßigten Teil der “Rebellen”.

Diese Politik Malikis scheint auch der Grund für das jetzige Versagen seines Sicherheitsapparates zu sein. Schon im Winter gelang es ihm nicht, die Islamisten aus dem Nordwesten des Irak wieder zu vertreiben. Während der neuerlichen Offensive der ISIS offenbart sich nun das volle Ausmaß seiner Schwäche. Dadurch dass er nicht nur die Kurden, sondern auch die sunnitische Bevölkerungsmehrheit im Nordirak seit Jahren sträflich vernachlässigt, hat er in den Gebieten, die nun ISIS für sich beansprucht, jeglichen Rückhalt in der Bevölkerung verloren. Das geht mittlerweile so weit, dass viele Menschen dort ISIS für das kleinere Übel halten. So haben sich mittlerweile diverse eigentlich gemäßigte Rebellengruppen ISIS angeschlossen bzw. kooperieren mit ISIS. Und damit haben wir das gleiche Problem wie wir es auch in Syrien sehen: Im Vergleich zur Unterdrückung durch die bzw. den Herrschenden wird die Unterdrückung durch ISIS als erträglicher empfunden. Dass diese Unterdrückung stattfindet, daran lassen die zahlreichen Berichte über abscheulichen Grausamkeiten wie Massenexekutionen sowie die Flüchtlingsströme nach Kurdistan leider keinen Zweifel. Dass sich diese Gräuel fortsetzen und insbesondere gegen Minderheiten richten werden, sollte es ISIS gelingen, ihre Herrschaft endgültig zu zementieren, steht außer Frage. Nur wie die ISIS dann wieder loswerden?

Doku über die Auswirkungen des syrischen Bürgerkriegs auf den Libanon

Seit Wochen möchte ich nun endlich ausführlich über den Bürgerkrieg in Syrien bloggen, komme aber einfach nicht dazu. Deswegen hier erstmal eine kurze Dokumentation eines Bekannten von mir über die Auswirkungen, die der Krieg und die Massen an Flüchtlingen auf den Libanon haben. Es ist beachtlich, was dieses kleine Land momentan stemmen muss und wie wenig internationale Unterstützung es bekommt! Gleiches gilt für Jordanien und die Autonome Region Kurdistan, die ebenfalls sehr, sehr viele Flüchtlinge aufgenommen haben und noch immer aufnehmen.

Doku über den Völkermord an den Armeniern 1915-17

Vor einigen Tagen sah ich mir bei Youtube die Dokumentation “Aghet – Der Völkermord an den Armeniern” an. Da ich mich vorher noch nie intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, fand ich die Doku sehr interessant, und ich würde sie auch jedem zum Einstieg weiterempfehlen, der sich damit auseinandersetzen möchte.

Die Doku startet recht beschaulich mit einer längeren Einleitung zu den Kontroversen der letzten Jahrzehnte, ausgelöst durch die Weigerung der Türkei, den Völkermord an den Armeniern als solchen anzuerkennen. Es folgt eine (leider sehr kurze) Einführung in den historischen Zusammenhang, also die Ausgangssituation der Türkei zu Beginn des Ersten Weltkriegs sowie die Situation von Minderheiten wie den Armeniern. Die Geschehnisse der Verfolgung, Deportation, Aushungerung und Ermordung Hunderttausender Armenier werden von Zeitzeugenaussagen untermauert und mit originalen Fotos und Filmaufnahmen unterstrichen. Ich bin eigentlich kein Fan von nachgestellten Szenen in Dokus, aber die Idee, Schauspieler in die Rolle der Zeugen schlüpfen und sie ihre Beobachtungen und Erinnerungen ohne großes Brimborium vortragen zu lassen, fand ich sehr gut. Dadurch werden die Ereignisse für den Zuschauer greifbarer, ohne in spekulativen und überkandidelten Szenerien zu enden.

Mein einziger großer Kritikpunkt an der Doku: Es wird davon ausgegangen, dass an der Tatsache, dass es einen Völkermord gab, nicht zu rütteln sei. So weit, so gut – sehe ich ähnlich. Doch leider werden die in der Türkei nach wie vor weit verbreiteten Gegenargumente, den Völkermord als solchen anzuerkennen, nur angerissen und sofort für absurd erklärt, anstatt genauer darauf zu schauen. So erscheint die Gegen-Position “der Türkei” von vornherein lächerlich und unbegründbar – das ist nicht nur eine sehr subjektive Darstellung, sondern schwächt noch dazu die eigene Position. Schließlich ist es immer eine stärkere Begründung, wenn man Gegenargumente einzeln und detailliert entkräftet, als einfach zu sagen “Ihr habt aber Unrecht, weil ich recht habe”.

Mein Fazit: Diese Doku geht unter die Haut, besonders wegen der vielen originalen Fotos und die gut aufbereiteten Zeugenaussagen. Es ist immer wieder bedrückend zu sehen, zu was Menschen fähig sind. Solche Grausamkeit, wie sie im Laufe der menschlichen Geschichte leider millionenfach geschehen ist, ist für uns Mitteleuropäer größtenteils unbegreiflich geworden. Wir haben so viel Glück, dass unsere Lebenswirklichkeit heute ganz anders aussieht. Ich wünschte nur, ich könnte das gleiche über die ganze Welt sagen…

Lesetipp zum Thema Kurdistan

Einen sehr interessanter Reisebericht durchs wilde und schöne Kurdistan gibt es hier. Viele der Beobachtungen kann ich nur bestätigen, z.B. die große Toleranz und das Vertrauen, Waren oder sogar über Nacht auf dem Markt stehen zu lassen; Diebstähle scheint es nicht oder kaum zu geben, denn alles, was nicht der Regierung gehört, wird prinzipiell nicht angerührt. Und nach Sulaymaniyah möchte ich beim nächsten Mal (wenn alles gut geht, im Frühling) auch gerne. Also: Wer bald nach Kurdistan reist, kann von sich behaupten, vor dem Massentourismus da gewesen zu sein. Es lohnt sich!

Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

Montag, 10.10.2011

So wunderbar die Reise bisher verlaufen war, so unerfreulich war der letzte Tag unseres Aufenthaltes für mich. Schon abends bemerkte ich das erste Grummeln und Ziehen im Bauch, und in der Nacht ging es dann so richtig los: Magen-Darm vom Feinsten, wie ich es noch nie erlebt habe. Die mitgebrachten Kohletabletten stellten sich als unwirksam heraus, das von allen empfohlene Hammermittel wollte auch nicht so recht wirken. Solange ich nichts aß, schien es besser zu gehen, doch schon ein paar Löffel Hühnerbrühe bescherten dann den Rückfall. Und so verbrachte ich den letzten Urlaubstag im Dämmerzustand im Bett, abgesehen von einem kleinen Spaziergang gegen Abend. Mit der Aussicht, auf den Rückflug in der selben Nacht. Wie sollte ich so bloß eine gut zwölfstündige Reise durchstehen, noch dazu komplett alleine?

Immerhin gelang es uns, die wahrscheinlichste Quelle für die plötzliche Erkrankung zu lokalisieren: Es musste der achso leckere, frisch gepresste Orangensaft aus dem Shanidar Park sein, denn darin war Eis gewesen, das ganz offensichtlich aus Leitungswasser hergestellt war. Für die Einheimischen kein Problem, aber für uns, die wir die Keime vor Ort schlichtweg nicht gewohnt sein, eine heimtückische Quelle für eben jene Durchfallerkrankungen. Die Trinkwasserversorgung in Arbil ist ja an sich nicht schlecht, jedoch wird das Wasser nicht kontinuierlich durch die Leitungen gepumpt, sondern per Pumpe auf die Hausdächer befördert, wo es dann solange in Tanks aufbewahrt wird, bis es gebraucht wird. Bei 30 bis 50° und praller Sonne eine herrliche Brutstätte für Keime aller Art. Also:- in der Nacht Durchfall bekommen, wahrscheinlich vom Eis im O-Saft -> Tag über flach gelegen, Medis helfen kaum Finger weg von allem, was irgendwie mit Leitungswasser in Berührung gekommen sein könnte!

so lecker und unschuldig sah der Übeltäter aus

so lecker und unschuldig sah der Übeltäter aus

Abends unternahmen wir den Versuch, zum Abschluss zusammen im Speed Centre zu Essen. Es war ein schöner Abend, auch wenn ich feststellen musste, dass ich von fester Nahrung doch vorerst lieber die Finger lassen sollte. Gegen Mitternacht ging es schließlich zum Flughafen, wo wir uns (mal wieder) die ersten Kontrollen sparen konnten und auch den Polizisten vor dem Flughafen klarmachen konnten, dass wir tatsächlich dort parken würden, obwohl wir kein Bus sind. Nach mehrfachen Sicherheitskontrollen und Check In gingen wir in den Wartebereich. Sehr früh wurde ich zum Boarding aufgerufen, sodass wir uns verabschiedeten und ich zum Gate ging. Dort wurde dann ein ganz besonders strenger Sicherheitscheck durchgeführt, schließlich ging es ja in die Türkei (der Direktflug nach München wurde viel lascher kontrolliert!). Die krasseste Kontrolle, die ich bis dato erlebt habe: Jeder wurde abgetastet, ich als Frau in einer separaten, fensterlosen Kammer, jedes Handgepäckstück wurde ausgeräumt (komplett! Sie hat ins Brillenetui und das Schmuckkästchen geguckt und sogar den Gameboy ausgiebig begutachtet!).

Danach hieß es dann eine gute Stunde warten bis zum Boarding. Mein Magen machte wieder Probleme; gute Aussichten für den Flug… Um 2:45 Uhr ging es dann schließlich los, ich döste die meiste Zeit, so gut das mit einem stark übergewichtigen Sitznachbar eben ging. Zum Glück spielte mein Magen einigermaßen mit, denn ich hatte einen Fensterplatz, und die andern in der Reihe schliefen die ganze Zeit. Das Frühstück, das an Bord serviert wurde, ließ ich lieber ausfallen; nichtmal das trockene Brötchen wollte meinem Magen zusagen.

Arbil von oben

Arbil von oben

5:10: Landung in Istanbul. Und was folgt? Natürlich – der nächste Sicherheitscheck. Man kommt ja schließlich aus Kurdistan. Blöde, unsinnige Schikane, aber naja… insgesamt kann ich nur sagen, dass ich mich während der gesamten Reise in Istanbul am unwohlsten gefühlt habe! Die Stadt möchte ich mir gerne mal genauer ansehen, aber nach Kurdistan fliege ich beim nächsten Mal lieber per Direktflug. In den über drei Stunden Aufenthalt hielt ich meinen Magen mit Wasser in Schach und kaufte einige Souvenirs. Um 8:00 Uhr ging schließlich mein Flug nach Düsseldorf, auf dem ich viel gedöst, mich aber auch angeregt mit den beiden Frauen neben mir unterhalten habe. Auch meinem Magen ging es deutlich besser, sodass ich vom Frühstück diesmal zumindest das Brötchen essen konnte. Um 10:30 Ortszeit kam ich endlich müde in Düsseldorf an, und per SBahn ging es dann weiter nach Wuppertal. Gewöhnungsbedürftig war allem der Temperatursturz – von 30° auf knappe 10°, das war hart. Aber es hat gut getan, eine Woche Sonne zu tanken!

Warten in Istanbul

Warten in Istanbul

Eins ist sicher: Das war nicht meine letzte Reise nach Kurdistan. Ich habe in dieser knappen Woche so viel gesehen, so viel gelernt, wie ich es mir nicht hätte träumen lassen. Vor allem ist mir aufgefallen, wie wichtig es ist, gelegentlich einmal über den eigenen Tellerrand zu schauen und mal in Gegenden zu reisen, die man nicht kennt und die einem vielleicht sogar suspekt sind. Natürlich ist es sehr hilfreich, wenn man dort jemanden kennt, der einen berät und ein bisschen herumführen kann. Aber spätestens wenn im Frühling die ersten Pauschalreisen von Deutschland aus starten, kann sich jeder guten Gewissens nach Arbil trauen. Ein tolles Land mit einer komplizierten, aber dadurch umso interessanteren Geschichte, ein faszinierende Stadt und eine wunderschöne, wilde Landschaft. Beim nächsten Besuch möchten wir auf jeden Fall mehr vom Umland sehen. Und wenn es zeitlich passt, werde ich versuchen, ein bisschen Kurdisch zu lernen. Damit ich zumindest die Preisschilder lesen und dem Taxifahrer sagen kann, wo ich hin will.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)
Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil

Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil

Sonntag, 09.10.2011

Gegen Mittag machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt, um das Erbil Civilisation Museum zu besuchen. Das ist ein kleines Museum über die archäologische Geschichte dieser uralten Stadt. Es stellte sich als gar nicht so einfach heraus, es ausfindig zu machen, denn es liegt versteckt in einem Hof, an der Fassade zur Straße hin gibt es kein Hinweisschild, sodass man es, wenn man von rechts kommt, überhaupt nicht wahrnehmen kann. Wir mussten uns bei Wachleuten und schließlich im Hotel nebenan durchfragen.

Dafür war da Museum selbst durchaus interessant. Wie im Assyrischen Museum waren die Beschriftungen dreisprachig, allerdings insgesamt eher spärlich; wenn man keine Ahnung von der Geschichte des Landes hat, wird man daraus leider nicht allzu viel erfahren können. Trotzdem war es liebevoll eingerichtet, gut in Ordnung und erstaunlicherweise kostenlos. Es gab englischsprachiges Personal, das auch gerne einige kleine Erklärungen beisteuert. Ich denke, sobald mehr europäischer und amerikanischer Tourismus in der Region ist (was bald der Fall sein dürfte; die ersten Pauschalreisen werden schon angeboten bzw. sollen nächstes Jahr starten), dürfte sich auch die Lage in den Museen ändern, denn stärkeres Interesse dürfte auch zur Weiterentwicklung des Angebots- frischer Orangensaft, Café führen, und für Nicht-Muttersprachler ist nunmal vor allem eine gute, ausführliche Beschriftung interessant. Besonders cooles Detail: Man darf zwar nicht fotografieren, aber dafür bekommt man am Ausgang einen ganzen Umschlag mit Postkarten (die einzigen, die wir in ganz Arbil gesehen haben!), Flyern und Broschüren sowie eine Rolle mit mehreren Postern in die Hand gedrückt.

Eine der diversen Baustellen

Eine der diversen Baustellen

Basar von Arbil

Basar von Arbil

Nach unserem Museumsbesuch spazierten wir durch die Stadt, wieder Richtung Basar, und sahen uns dort noch einmal genauer um. Schließlich machten wir uns zu Fuß auf Richtung Shanidar Park, verfransten uns dieses Mal jedoch hoffnungslos, sodass wir irgendwann ein Taxi riefen und uns hinfahren ließen. Dort angekommen, sahen wir uns zunächst die Überreste des alten Minarets im Minaret Park an und ließen es uns bei Keksen und Schokolade in der Sonne gut gehen. Dann ließen wir den Nachmittag bei einem frisch gepressten Orangensaft im Café im Shanidar Park ausklingen. Sehr lecker, aber dazu später mehr…

Minaret Park

Minaret Park

das Minaret, das dem Minaret Park seinen Namen gibt

das Minaret, das dem Minaret Park seinen Namen gibt

Shanidar Park, Arbil

Shanidar Park, Arbil

Abends aßen wir zusammen, diesmal Hähnchen, was in Kurdistan das “Standard-Gericht” zu sein scheint: Hähnchen ist, im Gegensatz zu anderen Fleischsorten, sehr billig, was auf die Massenhaltung der Tiere in Legebatterien zurückzuführen ist. Eier beispielsweise werden im Supermarkt in 36er-Paletten verkauft. Ansonsten ist die Lebensmittelversorgung sehr gut; es gibt im Supermarkt oder auf dem Basar eigentlich alles zu kaufen, was man sich vorstellen kann. Auch diverse europäische und amerikanische Produkte gibt es dort. Insgesamt sind die Lebensmittel oft recht teuer, aber da es, wie wir erfuhren, in Kurdistan so gut wie keine Steuern gibt, haben die Menschen auch fast 100% ihres Lohnes in der Tasche. Zudem hat der Arbeitgeber für das leibliche Wohl seiner Angestellten zu sorgen, und die ärztliche Versorgung im Krankenhaus ist kostenlos. Der einheimischen Bevölkerung geht es im Schnitt so gut, dass man im Dienstleistungssektor fast kaum Kurden findet, sondern fast nur Gastarbeiter aus den Nachbarländern, anderen Teilen des Irak oder aus Nepal. Klingt alles gar nicht so schlecht, wie man sich das leben im Irak so vorstellt, hmm? ;-) Aber so läuft das wohl in einem Land, das von seinen Ölreserven profitiert.

Bei einem Abendspaziergang kauften wir frisches Obst am Stand vor dem Supermarkt in Ankawar. Interessantes Detail: Gemüse gibt es zum Pauschalpreis von 1000 Dinar pro Kilo, Obst für 2000 Dinar pro Kilo, egal, um welche Sorte es sich handelt. Dafür gibt es an diesen Ständen dann vor allem lokale Produkte. Schade nur, wenn man eine exotische Frucht probiert hat und leider den Namen nicht herausfinden kann, weil es ja leider keine Beschriftungen in lateinischen Buchstaben gibt und die Verkäufer kaum jemals Englisch sprechen. Eine andere Erfahrung haben wir übrigens in der Apotheke gemacht: Dort wurden wir in recht gutem Englisch bedient und bekamen auch das gewünschte Penizilin für unseren Gastgeber, wenn auch als Folienstreifen, nicht als ganze Packung. Dafür eben zum unschlagbaren Preis von einem knappen Euro für acht Tabletten. Und selbstverständlich ohne Rezept.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)
Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Wie es weiterging:
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan

Samstag, 08.10.2011

Nach einem gemütlichen Frühstück beschlossen wir, dass es an der Zeit war, sich auch die Gegend um Arbil herum anzuschauen. Wir entschlossen uns zu einem vergleichsweise kleinen Ausflug nach Dokan, ein Ort in den Bergen etwa 150km von Arbil entfernt. Mit dem Jeep und einem ortskundigen Fahrer, der keine Angst vor den heftigen Kurven und bedrohlichen Überholmanövern anderer Verkehrsteilnehmer hat, waren das gut zwei Stunden pro Richtung.

Straße in die Berge

Straße in die Berge

Blick ins Tal

Blick ins Tal

Die Fahrt durch die Berge war schlichtweg atemberaubend. Obwohl das Land vergleichsweise karg wirkt, ist es doch faszinierend und, finde ich zumindest, wunderschön. Ein bisschen hat es mich an Australiens Red Center erinnert, es ist aber doch deutlich fruchtbarer. Die Erde hat zumeist einen deutlich rötlichen Ton (auf den Fotos etwas blasser als in echt), an vielen Stellen wachsen Sträucher. Gerade auf den Berghängen wachsen auch viele Bäume, was damit zusammenhängt, dass dort im Frühling das Wasser (Schneeschmelze in den Bergen sowie “Regenzeit”) herunterfließt. Stellenweise sieht man kleine Oasen, wo durchgängig ein Bächlein fließt. Im Frühling muss es hier noch schöner sein, denn dann grünt und blüht hier alles.

Bergkette

In der Nähe von Dörfern und kleinen Städten sieht man häufig Schaf- und Ziegenherden, die neben der Straße oder am Fuß der Berge weiden, oft auch Esel, Kühe und gelegentlich Pferde. Sie werden von Hirten betreut oder gehören zu Nomaden, die dort ihre Zelte aufgeschlagen haben oder in Hütten leben. Doch auch hier merkt man, wie sich das traditionelle Leben mit europäischen Einflüssen vermischt, sei es an Gebäuden oder der Kleidung der Menschen. Gelegentlich fährt man an einzelnen Ruinen vorbei; die traurigen Überreste von Dörfern, die nach den letzten Kriegen nicht wieder aufgebaut wurden.

Blick ins Tal

Blick ins Tal

Gelegentlich kommt man an Check Points vorbei, an denen Polizisten Pass- und Fahrzeugkontrollen durchführen können, wenn ihnen etwas komisch vorkommt. Als Tourist kann man Glück oder Pech; viele Polizisten winken einen wegen des europäischen Äußeren gleich durch, andere wollen gerade deshalb die Ausweise sehen. Mehr können sie eigentlich nicht tun, aber der Anblick ihrer Maschinengewehre ist trotzdem etwas beängstigend. Für mich als jemand, der nie ernsthafte Grenzkontrollen erlebt hat, eine durchaus einschüchternde Erfahrung.

Wir nähern uns der Bergkuppe

Wir nähern uns der Bergkuppe

Weiter geht es, hinein in die Berge. Die Straße wird schmaler, die Kurven enger, die Landschaft atemberaubend schön. Häufig überholen wir Lastwagen, sogar in den Kurven, teilweise sogar trotz Gegenverkehr (uwaaah!). So ist das eben dort, das machen alle so. Erstaunlicherweise ist die Straße ziemlich gut in Ordnung; sie ist noch recht neu. Wir überlegen, wie toll es hier zum Motorrad fahren sein muss wegen der Kurven, aber wenn ich mir die Fahrweise der Autos und LKW anschaue, bekomme ich Angst um mein Leben. Nur ein Ausrutscher, ein Verschätzen, ein unachtsames Überholmanöver des Gegenverkehrs, und der Abgrund ruft.

atemberaubender Ausblick

atemberaubender Ausblick

Blick über Dokan und den Dokan-See

Blick über Dokan und den Dokan-See

Wir kommen in Dokan an, fahren durch den Ort und am Stausee vorbei zu einem Aussichtspunkt. Der Dokan-See ist erstaunlich groß, die kleine Stadt scheint ganz gut vom Fischfang zu leben. Es ist faszinierend, wie unachtsam offensichtlich mit der Umwelt umgegangen wird; obwohl es sich hier um ein beliebtes Ausflugsziel handelt, wird Müll gnadenlos fallen gelassen, wo man gerade steht. So entstehen regelrechte Müllhalden am Ufer des ansonsten schön gelegenen Stausees, oder auch mitten in der Stadt, im Rinnstein oder an Baustellen.

Dokan-See

Dokan-See

Hotelanlage am Dokan-See

Hotelanlage am Dokan-See

Blick übern Dokan-See

Blick übern Dokan-See

Direkt am See gelegen ist ein hübsches, kürzlich modernisiertes Hotel. Wir kehren dort auf eine Cola ein, schauen uns die Hotelanlage mit Swimming Pool, Tennisplatz, Casino und Ferienhütten an. Von vielen Zimmern aus muss man einen guten Blick über den See haben. Auch die Preise sind in Ordnung; für 100$, also etwa 80€, bekommt man ein Zimmer im Hauptgebäude, inklusive Frühstück, ein kleines Zimmer direkt am Hang mit Seeblick sogar für 80$.

die Sonne geht unter

die Sonne geht unter

Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Wir machen uns auf den Rückweg, der recht unspektakulär verläuft. Wir machen noch einige schöne Fotos, zumeist aus dem fahrenden Auto heraus, weil man ja nicht dauernd anhalten kann. Hinzu kommen einige spektakuläre Überholmanöver, eine Notbremsung wegen eines toten Tiers auf der Fahrbahn und eine Schrecksekunde, als uns während einer Ortsdurchfahrt beinahe ein kleines Mädchen vor’s Auto rennt.

Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Krönender Abschluss dieses tollen Tages wird das Abendessen im Restaurant Dawa 2. So etwas habe ich noch nie erlebt: Es gibt keine Speisekarten, denn man sucht sich sein Essen nicht aus; stattdessen wird einem von diversen Gerichten ein bisschen gebracht. Allein die Auswahl an Vorspeisen ist so reichhaltig, dass sie problemlos als Viergangmenü durchgehen würde! Ich komme kaum hinterher; dauernd packt mir ein Kellner noch mehr auf den Teller, ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, eine Schale Suppe, und vor allem Fleisch, viel Fleisch. Spektakulärer Anblick: Auf einem Schwert aufgespießt wird Hähnchenfleisch mit Paprikaschoten gebracht, in einer mit Alufolie zugedeckten Amphore eine Art Gulasch. Es ist alles unglaublich lecker (okay, Linsensuppe mit Pflaumen ist nicht mein Fall, aber das meiste andere war super!), und es ist gut, dass ich all das probiert habe, was ich mich sonst wohl eher nicht getraut hätte. Als ich glaube, bald zu platzen, erfahre ich, dass wir den Hauptgang auslassen werden – alles bisherige war bloß die Vorspeise! Und nun folgt noch der Nachtisch, natürlich wieder eine Auswahl von leckeren Dingen. Als wir fertig sind, kann ich mich kaum noch bewegen, so lecker war alles. So ein Restaurant wünsche ich mir hier auch! Vor allem zu dem Preis; inklusive Getränken lagen wir, sofern ich das richtig mitbekommen habe, bei deutlich unter 20€ pro Person. Es wäre auch das Doppelte wert gewesen!

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Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil

Freitag, 07.10.2011

Der Tag begann mit einem ausgiebigen Frühstück am Buffet des Hotel Rotana, dem (laut unseren Gastgebern) besten Hotel in Arbil. Es war definitiv ein gutes Brunchbuffet, mit allem, was man sich wünscht: frisches Obst, diverse Brot-, Gebäck- und Müslisorten und frisch zubereitete Pancakes und Rührei. Entsprechend war auch der Preis. Lustig ist immer die Bezahlung solcher Rechnungen: Man kann oft in Dollar bezahlen (nicht auf dem Basar, aber in größeren Läden und Restaurants), natürlich zu einem entsprechend schlechten Kurs. Herausgegeben wird dann wiederum in Dinar, wiederum abgerundet und mit entsprechend schlechtem Kurs, sodass man doppelt und dreifach drauf zahlt. Aber selbst wenn man in Dinar bezahlt, wird wie selbstverständlich aufgerundet: Der kleinste Schein in dieser Währung ist ein 250er, Münzgeld gibt es nicht. Kauft man ein, kommt man leicht auf einen Betrag wie 10800, der dann selbstverständlich auf 11000 aufgerundet wird; das kann sich ganz schön läppern, zumal bei Touristen gerne auch mal Beträge wie 10550 auf 11000 aufgerundet werden. Und in kleineren Läden oder Taxen, in denen man keine Möglichkeit zur Verständigung hat, hält man dann notgedrungen einfach ein paar Scheine hin, die man für angemessen hält. Manchmal bekommt man was zurück, manchmal nicht, aber am zufriedenen Grinsen des Händlers/Fahrers erkennt man dann meistens, wenn man grade “freiwillig” das Doppelte bezahlt hat. Aber was soll’s; auf die paar Cent Unterschied kommt es uns in den meisten Fällen kaum an.

großzügige Parkanlagen in Arbil

großzügige Parkanlagen in Arbil

Teichanlagen

Teichanlagen

Leuchtreklame Arbil Style

Leuchtreklame Arbil Style

Nach dem Frühstück wurden wir im Park Sami Abdulrahman abgesetzt, einer riesigen Parkanlage nordwestlich des Stadtzentrums. Wir liefen den letzten Teilnehmern des 1st International Erbil Marathon for Peace and [den Rest hab ich vergessen] über den Weg; meine Hochachtung an all jene, die da bei guten 30° mitgelaufen sind! Der Park ist schön angelegt, von den großen Straßen ringsum bekommt man nichts mit. Es gibt breite asphaltierte Wege zwischen den Bäumen, die Rasenflächen werden mit viel Mühe und Unmengen Wasser grün gehalten, es gibt blühende Blumen und Büsche. Hinzu kommen zwei große Teiche, auf denen man Tretboot fahren kann. Überhaupt wird hier mit Wasser geradezu geaast: Überall in der Stadt gibt es Springbrunnen, mehrere große Parkanlagen, die Menschen verbrauchen unglaublich viel Wasser. Beim Putzen scheint es z.B. üblich zu sein, einfach zwei Eimer Wasser in den zu putzenden Raum zu schütten, eine halbe Flasche Putzmittel reinzukippen und dann einmal durchzuwischen (so geschehen bei unseren Gastgebern mit diversen einheimischen Putzfrauen, sogar in Räumen mit frisch verlegtem Teppichboden…).

Springbrunnen in Arbil

Springbrunnen in Arbil

Zitadelle

Zitadelle

Blick über Arbil

Blick über Arbil

Nachdem wir quer durch den Park gelaufen waren, suchten wir zu Fuß nach einem Weg in die Innenstadt, um uns dort weiter umzusehen. Das ist ohne Karte gar nicht so einfach (es gibt scheinbar keine guten Karten der Stadt), aber zum Glück ist die Zitadelle an den großen Straßen häufig beschildert. Wieder erklommen wir die Zitadelle, sahen uns auf dem Basar und dem Markt in den kleinen Straßen um die Zitadelle herum an. Da der Freitag schon Wochenende ist, war nicht allzu viel los, sodass man ohne großes Gedränge durchkam. Man bekommt hier alles, von Lebensmitteln über Gewürze und Elektrogeräten bis hin zu Kinderspielzeug. Immer in einer seltsam anmutenden Mischung aus Tradition und Anpassung an europäische Gepflogenheiten.

auf der Zitadelle

auf der Zitadelle

Blick von der Zitadelle

Blick von der Zitadelle

Als wir müde wurden, machten wir uns auf den Weg zurück in den Park, in dem wir morgens gewesen waren. Dort machten wir es uns für einige Stunden an den Teichen bequem und ruhten uns aus. Da Wochenende war, füllte sich der Park zunehmend mit Einheimischen, die sich in kleinen und größeren Grüppchen und bei lauter Musik (es tut mir echt leid, aber für mich klingt es eher nach Gejammer…) amüsierten. Auf den Teichen wurden sogar Bootsfahrten angeboten, entweder in kleinen Tretbooten oder auf einem erstaunlich großen Motorboot, das recht heftige Wellen verursachte.

riesiger Spielplatz im Park

riesiger Spielplatz im Park

Der Rückweg war nicht ganz unkompliziert; ohne Plan verliert man leicht den Überblick, wo man sich in etwa befindet, aber schließlich fanden wir doch den Weg zur nächsten großen Kreuzung und von da aus ein Taxi nach Hause.

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Donnerstag, 6.10.2011

Nach einem ausgiebigen gemütlichen Frühstück erkundeten wir Ankawa (auch die Schreibweise “Ainkawa” schien verbreitet), den Vorort, in dem wir wohnten. Dieses Viertel ist eine gute Wohngegend, die meisten Menschen hier sind Christen und zeigen dies auch sehr deutlich, z.B. mit grell leuchtenden Kreuzen vor dem Fenster. Auch diverse Kirchen gibt es hier, die sich architektonisch stark von den europäischen unterscheiden.

Kirche in Ankawa

Kirche in Ankawa

Das Wohnviertel gefiel uns ausgesprochen gut: Nur Einfamilienhäuser, die Straßen überwiegend sauber (für Arbiler Verhältnisse extrem sauber, wie wir noch feststellen sollten!) und gepflegt. Vor jedem Haus steht eine erstaunlich kleine Mülltonne, die, wie ich erfuhr, zwei Mal am Tag geleert wird, damit es im Sommer bei 50° nicht so schrecklich stinkt.

typischer Häuserblock in Ankawa

typischer Häuserblock in Ankawa

typisches Haus in Ankawa

typisches Haus in Ankawa

Wir besuchten das Assyrische Museum ein paar Straßen weiter. Es ist zwar klein, aber hübsch eingerichtet. Die Beschriftung ist in Kurdisch, Arabisch(?) und Englisch, allerdings in allen drei Sprachen recht spärlich. Ausgestellt werden vor allem landwirtschaftliche und Haushaltsgeräte des 19. und 20. Jahrhunderts, Trachten, alter Handschriften, Biographien wichtiger Persönlichkeiten (zu einem extrem hohen Teil christliche Geistliche) und Alltagsgegenstände assyrischen Lebens im Irak.

Assyrische Trachten

Assyrische Trachten

Webstuhl im Assyrischen Museum

Webstuhl im Assyrischen Museum

Am Nachmittag ging es in zwei der größten Malls der Stadt, die deutschen Shopping Centern in nichts nachstehen. Die Family Mall war schlichtweg riesig, mit einem großen Baumarkt, diversen Restaurants und Cafés sowie Geschäften aller Art. Auf der unteren Etage gibt es auch eine Eisbahn, auf der mit Begeisterung Schlittschuh gelaufen wurde. In Arbil ist schließlich schon Herbst; bei schlappen 30° muss man sich wohl so langsam auf den Winter vorbereiten. In den Bergen nahe der Stadt gibt es übrigens auch Wintersportgebiete; von den heißen Sommern sollte man sich nicht täuschen lassen. Die Temperaturen gehen in Arbil in kalten Winternächten auch schonmal gegen 0°, auch wenn es Schnee nur etwa ein Mal alle zehn Jahre gibt, und liegen tagsüber oft bei bis zu 20°. In den deutlich höher gelegenen Bergen dagegen gibt es recht viel Schnee und entsprechenden Tourismus.

Eisbahn in der Family Mall

Eisbahn in der Family Mall

Wir aßen im Foodcourt zu Mittag: traditionelle Salate, Linsensuppe, Lahmacun, Pide. Alles sehr lecker, wenn auch für kurdische Verhältnisse recht teuer. Der westliche Lifestyle, der in den Malls geboten wird, hat offensichtlich seinen Preis; auch die Klamottenläden boten Kleidung zu normal-europäischen bis gehobenen Preisen an. Auch das Sortiment ist stark europäisiert: Jeans und Hemden, enge T-Shirts und knappe Sommerkleidchen. Dazu kommen Läden, in denen z.B. deutsche Artikel angepriesen werden; diese sind dann allerdings oft in China produziert und stecken lediglich in einem Karton mit deutschem Namen drauf. Mit einem dieser Ladeninhaber kamen wir ins Gespräch, einem Kurden, der seit 20 Jahren in Wien lebt. Es passiert auch recht häufig, dass man mit einem Rückkehrer aus Deutschland ins Gespräch, der einen in bestem Deutsch in seinem Land willkommen heißt. Generell sind die Menschen hier sehr kontaktfreudig. Es geschieht häufig, dass man angesprochen wird, wenn man sich auf Deutsch unterhält, sei es von Kurden, die die Sprache erkennen, oder von irakischen Touristen, die gerne ein Foto mit “den Europäern” machen möchten. Blonde bzw. rote Haare und helle Haut sind dort eben doch sehr selten, denn europäische Touristen gibt es nur wenige.

Family Mall

Family Mall

Family Mall

Family Mall

Danach ging es noch zum Lebensmittelkauf in die Majidi Mall. Diese ist kleiner als die Family Mall, vorwiegend Klamottenläden. Am Eingang wieder die Sicherheitskontrolle, die so obligatorisch wie sinnlos erscheint: Der Metalldetektor piept prinzipiell bei jedem, oberflächlich abgetastet werden jedoch nur die Männer, obwohl eine Frau immer beim Wachpersonal dabei ist und einen Blick in die Handtaschen wirft. Da merkt man dann, dass es in Arbil seit Jahren keine Anschläge gegeben hat; prinzipiell bestehen zwar Sicherheitsvorkehrungen, diese werden aber erstaunlich lasch gehandhabt. Und ganz ehrlich: Ich hatte in der kompletten Woche nicht ein Mal Grund, mich unsicher oder bedroht zu fühlen. Es ist kein anderes Gefühl, in Arbil durch die Straßen zu schlendern, als in Deutschland (nur, dass man sich in Arbil auf dem Markt nicht vor Taschendieben zu fürchten braucht, wie bei uns).

Nutella-Nachahmerprodukt und Langnese Honig

Nutella-Nachahmerprodukt und Langnese Honig

Das einzige, dass mir ein ungutes Gefühl bereitete, ist der Verkehr. Es ist unglaublich chaotisch, in gewisser Weise noch chaotischer als europäische Großstädte wie Paris und Rom, denn hier hält sich niemand an Spuren oder Fahrtrichtungen, dauernd wird gehupt. Spuren sind meistens nicht mal eingezeichnet, es fahren halt so viele Autos nebeneinander, wie es passt, und oft wird dann ohne zu gucken mal eben drei Autobreiten nach links oder rechts gezogen. Entsprechend hoch muss die Unfallquote sein, besonders bei den Taxen, die pauschal für eine Strecke (nicht nach Zeitaufwand oder Verkehrsdichte) bezahlt werden. Dadurch dass sich kaum jemand anschnallt (viele Autos haben hinten gar keine Gurte, weil ein Kunstlederbezug die Polster verdeckt, der leider keine Aussparungen für die Gurte lässt), ist auch die Zahl der Verkehrstoten erschreckend hoch. Insbesondere mit Kindern wird in dieser Beziehung sorglos umgegangen: Fünf, sechs oder gar sieben Kinder auf der Rückbank sind keine Seltenheit, bei Jeeps mit Ladefläche sieht man sehr oft Kinder und/oder Tiere vergnügt auf der Ladefläche herumhüpfen. Auch bei 90km/h.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
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