Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

Montag, 10.10.2011

So wunderbar die Reise bisher verlaufen war, so unerfreulich war der letzte Tag unseres Aufenthaltes für mich. Schon abends bemerkte ich das erste Grummeln und Ziehen im Bauch, und in der Nacht ging es dann so richtig los: Magen-Darm vom Feinsten, wie ich es noch nie erlebt habe. Die mitgebrachten Kohletabletten stellten sich als unwirksam heraus, das von allen empfohlene Hammermittel wollte auch nicht so recht wirken. Solange ich nichts aß, schien es besser zu gehen, doch schon ein paar Löffel Hühnerbrühe bescherten dann den Rückfall. Und so verbrachte ich den letzten Urlaubstag im Dämmerzustand im Bett, abgesehen von einem kleinen Spaziergang gegen Abend. Mit der Aussicht, auf den Rückflug in der selben Nacht. Wie sollte ich so bloß eine gut zwölfstündige Reise durchstehen, noch dazu komplett alleine?

Immerhin gelang es uns, die wahrscheinlichste Quelle für die plötzliche Erkrankung zu lokalisieren: Es musste der achso leckere, frisch gepresste Orangensaft aus dem Shanidar Park sein, denn darin war Eis gewesen, das ganz offensichtlich aus Leitungswasser hergestellt war. Für die Einheimischen kein Problem, aber für uns, die wir die Keime vor Ort schlichtweg nicht gewohnt sein, eine heimtückische Quelle für eben jene Durchfallerkrankungen. Die Trinkwasserversorgung in Arbil ist ja an sich nicht schlecht, jedoch wird das Wasser nicht kontinuierlich durch die Leitungen gepumpt, sondern per Pumpe auf die Hausdächer befördert, wo es dann solange in Tanks aufbewahrt wird, bis es gebraucht wird. Bei 30 bis 50° und praller Sonne eine herrliche Brutstätte für Keime aller Art. Also:- in der Nacht Durchfall bekommen, wahrscheinlich vom Eis im O-Saft -> Tag über flach gelegen, Medis helfen kaum Finger weg von allem, was irgendwie mit Leitungswasser in Berührung gekommen sein könnte!

so lecker und unschuldig sah der Übeltäter aus

so lecker und unschuldig sah der Übeltäter aus

Abends unternahmen wir den Versuch, zum Abschluss zusammen im Speed Centre zu Essen. Es war ein schöner Abend, auch wenn ich feststellen musste, dass ich von fester Nahrung doch vorerst lieber die Finger lassen sollte. Gegen Mitternacht ging es schließlich zum Flughafen, wo wir uns (mal wieder) die ersten Kontrollen sparen konnten und auch den Polizisten vor dem Flughafen klarmachen konnten, dass wir tatsächlich dort parken würden, obwohl wir kein Bus sind. Nach mehrfachen Sicherheitskontrollen und Check In gingen wir in den Wartebereich. Sehr früh wurde ich zum Boarding aufgerufen, sodass wir uns verabschiedeten und ich zum Gate ging. Dort wurde dann ein ganz besonders strenger Sicherheitscheck durchgeführt, schließlich ging es ja in die Türkei (der Direktflug nach München wurde viel lascher kontrolliert!). Die krasseste Kontrolle, die ich bis dato erlebt habe: Jeder wurde abgetastet, ich als Frau in einer separaten, fensterlosen Kammer, jedes Handgepäckstück wurde ausgeräumt (komplett! Sie hat ins Brillenetui und das Schmuckkästchen geguckt und sogar den Gameboy ausgiebig begutachtet!).

Danach hieß es dann eine gute Stunde warten bis zum Boarding. Mein Magen machte wieder Probleme; gute Aussichten für den Flug… Um 2:45 Uhr ging es dann schließlich los, ich döste die meiste Zeit, so gut das mit einem stark übergewichtigen Sitznachbar eben ging. Zum Glück spielte mein Magen einigermaßen mit, denn ich hatte einen Fensterplatz, und die andern in der Reihe schliefen die ganze Zeit. Das Frühstück, das an Bord serviert wurde, ließ ich lieber ausfallen; nichtmal das trockene Brötchen wollte meinem Magen zusagen.

Arbil von oben

Arbil von oben

5:10: Landung in Istanbul. Und was folgt? Natürlich – der nächste Sicherheitscheck. Man kommt ja schließlich aus Kurdistan. Blöde, unsinnige Schikane, aber naja… insgesamt kann ich nur sagen, dass ich mich während der gesamten Reise in Istanbul am unwohlsten gefühlt habe! Die Stadt möchte ich mir gerne mal genauer ansehen, aber nach Kurdistan fliege ich beim nächsten Mal lieber per Direktflug. In den über drei Stunden Aufenthalt hielt ich meinen Magen mit Wasser in Schach und kaufte einige Souvenirs. Um 8:00 Uhr ging schließlich mein Flug nach Düsseldorf, auf dem ich viel gedöst, mich aber auch angeregt mit den beiden Frauen neben mir unterhalten habe. Auch meinem Magen ging es deutlich besser, sodass ich vom Frühstück diesmal zumindest das Brötchen essen konnte. Um 10:30 Ortszeit kam ich endlich müde in Düsseldorf an, und per SBahn ging es dann weiter nach Wuppertal. Gewöhnungsbedürftig war allem der Temperatursturz – von 30° auf knappe 10°, das war hart. Aber es hat gut getan, eine Woche Sonne zu tanken!

Warten in Istanbul

Warten in Istanbul

Eins ist sicher: Das war nicht meine letzte Reise nach Kurdistan. Ich habe in dieser knappen Woche so viel gesehen, so viel gelernt, wie ich es mir nicht hätte träumen lassen. Vor allem ist mir aufgefallen, wie wichtig es ist, gelegentlich einmal über den eigenen Tellerrand zu schauen und mal in Gegenden zu reisen, die man nicht kennt und die einem vielleicht sogar suspekt sind. Natürlich ist es sehr hilfreich, wenn man dort jemanden kennt, der einen berät und ein bisschen herumführen kann. Aber spätestens wenn im Frühling die ersten Pauschalreisen von Deutschland aus starten, kann sich jeder guten Gewissens nach Arbil trauen. Ein tolles Land mit einer komplizierten, aber dadurch umso interessanteren Geschichte, ein faszinierende Stadt und eine wunderschöne, wilde Landschaft. Beim nächsten Besuch möchten wir auf jeden Fall mehr vom Umland sehen. Und wenn es zeitlich passt, werde ich versuchen, ein bisschen Kurdisch zu lernen. Damit ich zumindest die Preisschilder lesen und dem Taxifahrer sagen kann, wo ich hin will.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)
Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil

8 thoughts on “Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

  1. Toll zu lesen! Danke für den schönen Reisebericht über Arbil. Mal sehen, vielleicht werde ich eines Tages auch hinfliegen! :)

  2. Toller Bericht :) Bin Kurde aus Duhok ( 300 km entfernt von Erbil/Arbil/Hawler) bin aber hier in Deutschland geboren :)
    Und ja ich pass da auch IMMER auf mit dem Leitungswasser. Trinke dort echt nur Wasser aus Flaschen.

  3. Vielen Dank für den interessanten Bericht! Mein Mann und ich haben vor, nächsten Frühling eine Kurdistanreise zu machen und dein Bericht hat mich sehr neugierig gemacht und mich bezüglich der Sicherheitslage doch sehr beruhigt!

  4. wirklich klasse dieser Bericht!! Ich will in 2/3 Monaten auch nach Erbil und freue mich schon die ganze Stadt zu erkunden :)

  5. Ein sehr schöner Bericht wie ich finde. In einigen Textpassagen musste ich jedoch leicht schmunzeln :), da ich selbst dort geboren und mit der Kultur vertraut bin, ist es sehr spannend wie diese Kultur auf europäische Touristen wirkt.
    Aber es gibt dort noch soooo viel zu sehen. Ich finde es erstaunlich, dass du das Potenzial nicht ausgeschöpft hast.
    Ich fliege auch fast jedes Jahr für paar Wochen hin. Falls Interesse besteht, kann ich dir, und auch allen anderen, gerne sprachlich zur Seite stehen.

  6. Pingback: Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil » Verenas Welt

  7. Pingback: Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan » Verenas Welt

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