Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil

Mittwoch, 5.10.2011

Nach der langen Reise war ich ziemlich platt, sodass wir am Mittwoch Morgen erstmal ausschliefen. Da wir in einem Privathaushalt übernachten durften, mussten wir uns auch nicht frühzeitig zum Frühstück aus dem Bett quälen. Ich wurde von unseren Gastgebern, Familie Martsch, sehr herzlich aufgenommen. Sie betreiben das Deutsche Kulturzentrum in Arbil und führen ein eigenes Unternehmen, sind mit der Familie des kurdischen Präsidenten befreundet und genießen wegen ihres Einsatzes für die Kurden seit dem Krieg vor 20 Jahren ein hohes Ansehen dort. Der unbestreitbare Vorteil für uns: Dank dieses besonderen Ansehens und verschiedener Ausweise kommt man problemlos und ohne nervige Kontrollen überall hin. Und in einem Privathaushalt lebt es sich eigentlich immer praktischer als in einem Hotel.

Da mein Handy hier keinen Empfang hatte und Simyo offenbar keinen Roamingpartner im Irak hat, brauchte ich eine kurdische SIM-Karte. Die ist sowieso viel praktischer, da man recht günstig telefoniert, auch nach Deutschland (für ein achtminütiges Gespräch habe ich 2300 Dinar gezahlt, das entspricht etwa 1,50€). Nachdem ich also eine kurdische Handynummer hatte, ging es los in die Stadt. Wichtig dabei für mich: Die Kleidungsfrage. Trotz 35° kommen Minirock und Trägertop in einem vorwiegend muslimischen Land wohl eher nicht gut an. Wäre bei der Sonne aber eh nicht besonders schlau. Dank Ennos Berichten wusste ich, dass Jeans und T-Shirt auch als Frau ausreichen; es gibt zwar viele einheimische Frauen, die in langen Mänteln und verschleiert herumlaufen, aber auch durchaus viele mit langen, offenen Haaren, Jeans und T-Shirt. Auf den Minirock wird zumindest in der Öffentlichkeit verzichtet, in diversen Läden gibt es aber erstaunlich knappe und offenherzige Kleidchen zu kaufen. Also beschränkte auch ich meine Anpassung auf eben jene Jeans und vergleichsweise weite T-Shirts (war gar nicht so einfach, sowas im Kleiderschrank zu finden…), um nicht gleich am ersten Tag blöd aufzufallen.

Zunächst ging es also ins Erbil Speed Center, wo wir auf einige Helfer, die beim Abbau der Zelte vom Fest der vergangenen Woche warteten. Bei Wasser und Cola lernten wir den Gebäudekomplex kennen: Ein Sportcenter mit Kartbahn, Restaurant und Bar, die obligatorische Sicherheitskontrolle am Eingang und englischsprachiges Personal. Ich erfuhr, dass hier eines der großen Bauprojekte der Stadt umgesetzt wird: Neben dem Speed Center entsteht ein Bürohochhaus, dazu eine große Zahl Einfamilienhäuser und mehrere Appartementblöcke, außerdem ein Marriott Resort. Bauprojekte dieser Art sind typisch für Arbil: Die Stadt boomt, und überall sind Baustellen, entstehen gute Hotels und Bürogebäude.

Erbil Speed Center und Business Tower

Erbil Speed Center und Business Tower

Shanidar Park, Arbil

Shanidar Park, Arbil

Während Enno und Horst mit ihren Helfern die Zelte abbauten, schaute ich mir die Umgebung an, nämlich den schönen Shanidar Park. Er ist einer von mehreren großen Parks in Arbil. Hier in Wuppertal ist man ja schon verwöhnt, was Bäume und Grünflächen angeht, aber Arbils Parks sind schlichtweg umwerfend. Wer denkt, in einem scheinbar so kargen, heißen Land würde mit Wasser sparsam umgegangen, der irrt sich: Mit viel Aufwand wird Rasen grün gehalten, werden Springbrunnen und riesige Parkanlagen in der ganzen Stadt betrieben.

Shanidar Park, Arbil

Shanidar Park, Arbil

Vom Park aus machten Enno und ich uns auf den Weg in die Innenstadt. Auch wenn der Weg nicht weit war, bei 35° und knallender Mittagssonne war es trotzdem etwas anstrengend. Wir liefen an gut bewachten Gebäudekomplexen vor (eine Schule, eine Militärakademie, die meisten aber ohne Schild). Ich lernte das kurdische Wort für Hallo: Salam. Je näher wir dem Stadtkern kamen, desto schmaler und voller wurden die Straßen. Es herrschte recht viel Verkehr, sodass man beim Überqueren der Straßen gut aufpassen musste. Schließlich ragte vor uns die Zitadelle auf, eine Art befestigte Erhebung mitten in der Stadt, auf bzw. unter der die ältesten Teile der Stadt liegen: Arbil ist über 4000 Jahren durchgehend bewohntes Gebiet, und es liegt in der Gegend der Welt, die man getrost als Wiege der Zivilisation bezeichnen könnte, an der Grenze des Zweistromlandes/Mesopotamien.

Zitadelle Arbil

Zitadelle Arbil

oben auf der Zitadelle, Arbil

oben auf der Zitadelle, Arbil

Blick von der Zitadelle über Arbil

Blick von der Zitadelle über Arbil

Um die Zitadelle herum erstreckt sich das Geschäftszentrum von Arbil. Neben einer Grünanlage erstreckt sich ein hübsches Verwaltungsgebäude(?) mit Uhrenturm, darum herum eine Geschäftsstraße. Hier ist auffällig, wie wenige Frauen unterwegs sind; die Läden sind auch nur auf männliche Kundschaft ausgelegt und verkaufen europäische Herrenkleidung sowie billige Elektrogeräte (auf den ersten Blick wirken die Kartons wie die von europäischen Marken, auf den zweiten fallen dann Schreibweisen wie “Pihilipps” und “Philippis” auf). Es gibt Imbissbuden mit landestypischem Essen und alle möglichen Läden, gelegentlich Stände mit Kopien von (Schul)Büchern.

Hinter dieser Geschäftsstraße beginnt der Bazar. Dieses Gewirr kleiner Wege ist überdacht und besteht aus einer Vielzahl kleiner Läden. Hier gibt es alles, was man brauchen kann: säckeweise Gewürze, jegliche Art von Essen, traditionelle Frauengewänder und europäische Mode inklusive Trägertops und kurzer Röcke, Kinderkleidung und billiges Spielzeug. Schade, dass wir uns mit den meisten Menschen kaum verständigen können; Englisch sprechen nur sehr wenige, unser Kurdisch beschränkt sich auf “hallo” und “danke”, wir können nichtmal die Zahlen auf den Schildern lesen. Deshalb beschränken wir unsere Einkäufe auf das Nötigste: Wasser! Die Halbliterflasche gibt es für umgerechnet 13-15 Cent an jeder Ecke.

Nach mehreren Stunden in der Innenstadt sind mir müde und bestellen uns ein Taxi, um zurück nach Ankawa, in “unseren” Vorort zu fahren. Klingt einfach, ist aber komplizierter als gedacht, denn die Straße, in der wir wohnen, hat keinen Namen oder zumindest kein Schild. Das scheint in Arbil üblich zu sein: Die wenigsten Straßen haben Schilder, abgesehen von den Hauptstraßen. Die Einheimischen kommen damit gut klar, man beschreibt halt mit “in der Nähe von …” oder beschreibt dem Taxifahrer den Weg. So mussten auch wir uns mit Händen und Füßen verständlich machen so gut es ging, immer auf der Suche nach Straßenecken, die uns bekannt vorkamen, denn das Restaurant, das wir als Referenzpunkt gewählt hatten, kannten weder unser Fahrer noch die gefragten Polizisten. Das funktionierte dann im Endeffekt auch: Wir kamen nur zwei Straßen von unserem Ziel raus und fanden den Weg. Das wirklich Unangenehme am Taxifahren dort: Hinten gibt es zumeist keine Gurte. Hier schnallt sich sowieso kaum jemand an, aber das machte es für mich auch nicht besser.

Als wir ankamen, gab es bald Abendessen. Wir ruhten uns etwas aus und genossen einen unterhaltsamen Abend mit unseren Gastgebern. Schließlich machten wir uns noch auf den Weg zum Lebensmittelladen um die Ecke und schauten uns ein wenig im Viertel um. Abends testeten wir den Fernseher: Neben mehreren englischsprachigen Programmen gab es auch RTL2, ZDF und ARTE, gelegentlich auch RTL und ARD. Davon war ARTE noch am brauchbarsten; insbesondere RTL2 ist dank völlig hirnloser Sendungen und Werbung in Schwitzerdütsch schlichtweg nicht zu ertragen. Aber zum Glück waren wir ja nicht zum Fernsehen in Arbil.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)
Wie es weiterging:
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

13 thoughts on “Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil

  1. Hallo Verena,

    bin gerade auf deine Seite gestoßen und muss sagen, dass ich die Artikel regelrecht verschlungen habe. :) Sehr informativ und lesenswert. Du schaffst es, durch deine Art zu schreiben deine Eindrücke super zu vermittelen. Vielen Dank. Mach bitte weiter so!

    Gruß Maurice

  2. Hallo Maurice,
    vielen Dank für das Kompliment! :-) Ich werde versuchen, die restlichen Teile in den nächsten Tagen zu Ende zu schreiben. Und mit etwas Glück bin ich nächster Jahr wieder im schönen Erbil.
    Lieben Gruß
    Verena

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  8. Hallo Verena,
    welche Währung soll man bei sich haben (Dollars oder Euros). Was lässt sich dort besser wechseln?

    Gruß

    Yaser

  9. Hallo Yaser,
    wir hatten Dollar dabei, aber Euro wäre genau so gut gegangen. Bei den Straßenhändlern kann man es einfach tauschen. In den Supermärkten und Baumärkten der Malls gibt es z.T. auch Preisauszeichnungen in Dollar. Allerdings zu nem katastrophalen Kurs ;-)
    Gruß
    Verena

  10. Hallo ihr Weltreisende.

    habe im Irag zur guten Saddamzeit 5 Jahre verbracht und mehrere Projekte durchgezogen ohne jegliche Probleme !(Flughafen Basrah-Ministerium Baghdad-Zementfabrik Sulaimania bei Erbil- sowie in
    der schönen Stadt Mosul)

    Versuche schon geraume Zeit Kontakte nach Erbil aufzunehmen, um an den Projekten mitwirken zu können, doch selbst von der deutschen Vertretung dort, kommt nicht mal ne Antwort.

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