Fünf Stunden mit Raja

Was tun, wenn man erfährt, dass sein Baby kurz nach der Geburt sterben wird, weil es Anenzephalie hat? Eine schreckliche Frage, die sich mit Sicherheit niemand gerne stellt. Und doch gibt es werdende Eltern, die auf einmal mit der schrecklichen Gewissheit konfrontiert werden, dass sie ihr Baby nie mit nach Hause nehmen werden, dass es entweder tot geboren werden oder wenige Stunden oder Tage nach der Geburt sterben wird. In dieser Doku von Al Jazeera wird eine junge neuseeländische Familie durch diese schreckliche Zeit begleitet, von kurz nach der Diagnose bis zwei Jahre nach Geburt und Tod des kleinen Raja, der nur fünf Stunden zu leben hatte. Es ist eine herzzerreißende Geschichte, eine Geschichte von Freud und Leid, von Trauer und Tapferkeit, von Liebe und Stärke. Sie zeigt uns, dass der Tod zum Leben gehört, ob wir wollen oder nicht, und dass es immer Wege gibt, damit umzugehen zu lernen.

Mich erinnert das an meine eigene Kindheit. Als ich klein war, hatte ich eine sehr gut Freundin, Lydia. Wir haben alles miteinander gemacht, was kleine Mädchen nunmal so machen, waren die besten Freundinnen. Das einzige Problem: Lydia hatte einen angeborenen Herzfehler, war dadurch behindert. Hat mich nicht weiter gestört; sie konnte halt nicht schnell laufen, trug eine Windel und ging in einen anderen Kindergarten, alles nichts dramatisches. Oft war sie kränklich, aber so war das nunmal. Was mir damals nicht klar war: Die Ärzte hatten ihren Eltern schon bei Diagnose des Herzfehlers kurz nach der Geburt gesagt, dass ihr Baby wahrscheinlich nicht lange leben und das erste Jahr wohl nicht überstehen würde. Hat sie aber; allen Prognosen zum Trotz hat sie gelebt. Bis kurz vor ihrem sechsten Geburtstag.

Ich weiß noch genau, wie Lydias Mutter eines Samstag- oder Sonntagmorgens früh bei uns anrief. Sie wollte mit Mama sprechen, die noch im Bett lag und etwas länger schlafen wollte. Ihre Stimme klang seltsam am Telefon; wir wussten sofort, dass was nicht stimmt. Dann erzählte sie meiner Mutter, dass Lydia gestorben sei. Ich erinnere mich sehr genau daran, wie wir alle vier im Wohnzimmer standen und weinten, und dass meine Eltern meinem Bruder und mir versucht haben, begreiflich zu machen, was da passiert sei; ich war fünfeinhalb und erinnere mich nicht an viel aus dieser Zeit, aber daran ganz genau. Und ich erinnere mich auch an ihre Beerdigung. Genauso weiß ich aber auch, dass ich überhaupt nicht verstanden habe, was passiert war, was das alles bedeutete, dass ich wirklich nie wieder mit ihr würde spielen können. Das kam alles erst später.

Ich habe sie nie vergessen, und das werde ich auch nie. Es gibt Fotos von ihr, von uns zusammen. Ich habe nach wie vor ein Andenken an sie, ein kleines Geduldsspiel, dass ich auf ihrem letzten Geburtstag, ihrem fünften, bekam. Ich weiß (oder ahne zumindest) auch, welch schreckliche Belastungsprobe ihr Tod für ihre Familie war, wie ihre Eltern und ihr kleiner Bruder, der das alles ja noch weniger verstehen konnte als ich, darunter gelitten haben müssen. Aber es lässt sich nicht ändern, man kann den Tod nicht immer austricksen. Also müssen wir wohl alle lernen, ihm ins Auge zu blicken und damit umzugehen, wenn wir nicht daran zerbrechen wollen. Und wir können dankbar sein für unsere Gesundheit, und für jeden Tag, den wir mit geliebten Menschen verbringen dürfen.

 

Deutsche Spionagesoftware in totalitären Regimen im Einsatz

Es wundert einen nicht wirklich, trotzdem ist es immer wieder erschütternd, wie gewissenlos Wirtschaftsunternehmen vorgehen: Da wird Spionagesoftware für z.B. Laptops und Smartphones entwickelt und selbstverständlich an totalitäre Regime verkauft. Ist ja egal, ob damit Kriminelle oder einfach unliebsame politische Opposition ausgespäht wird; Hauptsache, es gibt Geld. Unterstützt übrigens offenbar (indirekt?) von Apple, das Sicherheitslücken bei iTunes zur Installation der Spionagesoftware benutzt wurden. Laut diesem Video der ARD ist deutsche Spähsoftware z.B. in den letzten Jahren in Ägypten (unter Mubarak), Syrien, Iran und Bahrain im Einsatz gewesen.

 

Lesetipp zum Thema Kurdistan

Einen sehr interessanter Reisebericht durchs wilde und schöne Kurdistan gibt es hier. Viele der Beobachtungen kann ich nur bestätigen, z.B. die große Toleranz und das Vertrauen, Waren oder sogar über Nacht auf dem Markt stehen zu lassen; Diebstähle scheint es nicht oder kaum zu geben, denn alles, was nicht der Regierung gehört, wird prinzipiell nicht angerührt. Und nach Sulaymaniyah möchte ich beim nächsten Mal (wenn alles gut geht, im Frühling) auch gerne. Also: Wer bald nach Kurdistan reist, kann von sich behaupten, vor dem Massentourismus da gewesen zu sein. Es lohnt sich!

 

Abends im Supermarkt

Dienstag Abend im Supermarkt stand ein wahrscheinlich türkischer Junge (etwa zehn Jahre alt) an der Kasse hinter mir. Er erzählte seinem Vater gerade, dass er ein neues deutsches Sprichwort gelernt habe: “Ein Apfel am Tag spendiert den Arzt!“. Der Vater war sichtlich skeptisch; ich konnte mir das Lachen nicht ganz verkneifen und erklärte, dass dieses Sprichwort mehr Sinn macht, wenn man das “spendiert” mit “spart” ersetzt.

 

Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

Montag, 10.10.2011

So wunderbar die Reise bisher verlaufen war, so unerfreulich war der letzte Tag unseres Aufenthaltes für mich. Schon abends bemerkte ich das erste Grummeln und Ziehen im Bauch, und in der Nacht ging es dann so richtig los: Magen-Darm vom Feinsten, wie ich es noch nie erlebt habe. Die mitgebrachten Kohletabletten stellten sich als unwirksam heraus, das von allen empfohlene Hammermittel wollte auch nicht so recht wirken. Solange ich nichts aß, schien es besser zu gehen, doch schon ein paar Löffel Hühnerbrühe bescherten dann den Rückfall. Und so verbrachte ich den letzten Urlaubstag im Dämmerzustand im Bett, abgesehen von einem kleinen Spaziergang gegen Abend. Mit der Aussicht, auf den Rückflug in der selben Nacht. Wie sollte ich so bloß eine gut zwölfstündige Reise durchstehen, noch dazu komplett alleine?

Immerhin gelang es uns, die wahrscheinlichste Quelle für die plötzliche Erkrankung zu lokalisieren: Es musste der achso leckere, frisch gepresste Orangensaft aus dem Shanidar Park sein, denn darin war Eis gewesen, das ganz offensichtlich aus Leitungswasser hergestellt war. Für die Einheimischen kein Problem, aber für uns, die wir die Keime vor Ort schlichtweg nicht gewohnt sein, eine heimtückische Quelle für eben jene Durchfallerkrankungen. Die Trinkwasserversorgung in Arbil ist ja an sich nicht schlecht, jedoch wird das Wasser nicht kontinuierlich durch die Leitungen gepumpt, sondern per Pumpe auf die Hausdächer befördert, wo es dann solange in Tanks aufbewahrt wird, bis es gebraucht wird. Bei 30 bis 50° und praller Sonne eine herrliche Brutstätte für Keime aller Art. Also:- in der Nacht Durchfall bekommen, wahrscheinlich vom Eis im O-Saft -> Tag über flach gelegen, Medis helfen kaum Finger weg von allem, was irgendwie mit Leitungswasser in Berührung gekommen sein könnte!

so lecker und unschuldig sah der Übeltäter aus

so lecker und unschuldig sah der Übeltäter aus

Abends unternahmen wir den Versuch, zum Abschluss zusammen im Speed Centre zu Essen. Es war ein schöner Abend, auch wenn ich feststellen musste, dass ich von fester Nahrung doch vorerst lieber die Finger lassen sollte. Gegen Mitternacht ging es schließlich zum Flughafen, wo wir uns (mal wieder) die ersten Kontrollen sparen konnten und auch den Polizisten vor dem Flughafen klarmachen konnten, dass wir tatsächlich dort parken würden, obwohl wir kein Bus sind. Nach mehrfachen Sicherheitskontrollen und Check In gingen wir in den Wartebereich. Sehr früh wurde ich zum Boarding aufgerufen, sodass wir uns verabschiedeten und ich zum Gate ging. Dort wurde dann ein ganz besonders strenger Sicherheitscheck durchgeführt, schließlich ging es ja in die Türkei (der Direktflug nach München wurde viel lascher kontrolliert!). Die krasseste Kontrolle, die ich bis dato erlebt habe: Jeder wurde abgetastet, ich als Frau in einer separaten, fensterlosen Kammer, jedes Handgepäckstück wurde ausgeräumt (komplett! Sie hat ins Brillenetui und das Schmuckkästchen geguckt und sogar den Gameboy ausgiebig begutachtet!).

Danach hieß es dann eine gute Stunde warten bis zum Boarding. Mein Magen machte wieder Probleme; gute Aussichten für den Flug… Um 2:45 Uhr ging es dann schließlich los, ich döste die meiste Zeit, so gut das mit einem stark übergewichtigen Sitznachbar eben ging. Zum Glück spielte mein Magen einigermaßen mit, denn ich hatte einen Fensterplatz, und die andern in der Reihe schliefen die ganze Zeit. Das Frühstück, das an Bord serviert wurde, ließ ich lieber ausfallen; nichtmal das trockene Brötchen wollte meinem Magen zusagen.

Arbil von oben

Arbil von oben

5:10: Landung in Istanbul. Und was folgt? Natürlich – der nächste Sicherheitscheck. Man kommt ja schließlich aus Kurdistan. Blöde, unsinnige Schikane, aber naja… insgesamt kann ich nur sagen, dass ich mich während der gesamten Reise in Istanbul am unwohlsten gefühlt habe! Die Stadt möchte ich mir gerne mal genauer ansehen, aber nach Kurdistan fliege ich beim nächsten Mal lieber per Direktflug. In den über drei Stunden Aufenthalt hielt ich meinen Magen mit Wasser in Schach und kaufte einige Souvenirs. Um 8:00 Uhr ging schließlich mein Flug nach Düsseldorf, auf dem ich viel gedöst, mich aber auch angeregt mit den beiden Frauen neben mir unterhalten habe. Auch meinem Magen ging es deutlich besser, sodass ich vom Frühstück diesmal zumindest das Brötchen essen konnte. Um 10:30 Ortszeit kam ich endlich müde in Düsseldorf an, und per SBahn ging es dann weiter nach Wuppertal. Gewöhnungsbedürftig war allem der Temperatursturz – von 30° auf knappe 10°, das war hart. Aber es hat gut getan, eine Woche Sonne zu tanken!

Warten in Istanbul

Warten in Istanbul

Eins ist sicher: Das war nicht meine letzte Reise nach Kurdistan. Ich habe in dieser knappen Woche so viel gesehen, so viel gelernt, wie ich es mir nicht hätte träumen lassen. Vor allem ist mir aufgefallen, wie wichtig es ist, gelegentlich einmal über den eigenen Tellerrand zu schauen und mal in Gegenden zu reisen, die man nicht kennt und die einem vielleicht sogar suspekt sind. Natürlich ist es sehr hilfreich, wenn man dort jemanden kennt, der einen berät und ein bisschen herumführen kann. Aber spätestens wenn im Frühling die ersten Pauschalreisen von Deutschland aus starten, kann sich jeder guten Gewissens nach Arbil trauen. Ein tolles Land mit einer komplizierten, aber dadurch umso interessanteren Geschichte, ein faszinierende Stadt und eine wunderschöne, wilde Landschaft. Beim nächsten Besuch möchten wir auf jeden Fall mehr vom Umland sehen. Und wenn es zeitlich passt, werde ich versuchen, ein bisschen Kurdisch zu lernen. Damit ich zumindest die Preisschilder lesen und dem Taxifahrer sagen kann, wo ich hin will.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)
Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil

 

Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil

Sonntag, 09.10.2011

Gegen Mittag machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt, um das Erbil Civilisation Museum zu besuchen. Das ist ein kleines Museum über die archäologische Geschichte dieser uralten Stadt. Es stellte sich als gar nicht so einfach heraus, es ausfindig zu machen, denn es liegt versteckt in einem Hof, an der Fassade zur Straße hin gibt es kein Hinweisschild, sodass man es, wenn man von rechts kommt, überhaupt nicht wahrnehmen kann. Wir mussten uns bei Wachleuten und schließlich im Hotel nebenan durchfragen.

Dafür war da Museum selbst durchaus interessant. Wie im Assyrischen Museum waren die Beschriftungen dreisprachig, allerdings insgesamt eher spärlich; wenn man keine Ahnung von der Geschichte des Landes hat, wird man daraus leider nicht allzu viel erfahren können. Trotzdem war es liebevoll eingerichtet, gut in Ordnung und erstaunlicherweise kostenlos. Es gab englischsprachiges Personal, das auch gerne einige kleine Erklärungen beisteuert. Ich denke, sobald mehr europäischer und amerikanischer Tourismus in der Region ist (was bald der Fall sein dürfte; die ersten Pauschalreisen werden schon angeboten bzw. sollen nächstes Jahr starten), dürfte sich auch die Lage in den Museen ändern, denn stärkeres Interesse dürfte auch zur Weiterentwicklung des Angebots- frischer Orangensaft, Café führen, und für Nicht-Muttersprachler ist nunmal vor allem eine gute, ausführliche Beschriftung interessant. Besonders cooles Detail: Man darf zwar nicht fotografieren, aber dafür bekommt man am Ausgang einen ganzen Umschlag mit Postkarten (die einzigen, die wir in ganz Arbil gesehen haben!), Flyern und Broschüren sowie eine Rolle mit mehreren Postern in die Hand gedrückt.

Eine der diversen Baustellen

Eine der diversen Baustellen

Basar von Arbil

Basar von Arbil

Nach unserem Museumsbesuch spazierten wir durch die Stadt, wieder Richtung Basar, und sahen uns dort noch einmal genauer um. Schließlich machten wir uns zu Fuß auf Richtung Shanidar Park, verfransten uns dieses Mal jedoch hoffnungslos, sodass wir irgendwann ein Taxi riefen und uns hinfahren ließen. Dort angekommen, sahen wir uns zunächst die Überreste des alten Minarets im Minaret Park an und ließen es uns bei Keksen und Schokolade in der Sonne gut gehen. Dann ließen wir den Nachmittag bei einem frisch gepressten Orangensaft im Café im Shanidar Park ausklingen. Sehr lecker, aber dazu später mehr…

Minaret Park

Minaret Park

das Minaret, das dem Minaret Park seinen Namen gibt

das Minaret, das dem Minaret Park seinen Namen gibt

Shanidar Park, Arbil

Shanidar Park, Arbil

Abends aßen wir zusammen, diesmal Hähnchen, was in Kurdistan das “Standard-Gericht” zu sein scheint: Hähnchen ist, im Gegensatz zu anderen Fleischsorten, sehr billig, was auf die Massenhaltung der Tiere in Legebatterien zurückzuführen ist. Eier beispielsweise werden im Supermarkt in 36er-Paletten verkauft. Ansonsten ist die Lebensmittelversorgung sehr gut; es gibt im Supermarkt oder auf dem Basar eigentlich alles zu kaufen, was man sich vorstellen kann. Auch diverse europäische und amerikanische Produkte gibt es dort. Insgesamt sind die Lebensmittel oft recht teuer, aber da es, wie wir erfuhren, in Kurdistan so gut wie keine Steuern gibt, haben die Menschen auch fast 100% ihres Lohnes in der Tasche. Zudem hat der Arbeitgeber für das leibliche Wohl seiner Angestellten zu sorgen, und die ärztliche Versorgung im Krankenhaus ist kostenlos. Der einheimischen Bevölkerung geht es im Schnitt so gut, dass man im Dienstleistungssektor fast kaum Kurden findet, sondern fast nur Gastarbeiter aus den Nachbarländern, anderen Teilen des Irak oder aus Nepal. Klingt alles gar nicht so schlecht, wie man sich das leben im Irak so vorstellt, hmm? ;-) Aber so läuft das wohl in einem Land, das von seinen Ölreserven profitiert.

Bei einem Abendspaziergang kauften wir frisches Obst am Stand vor dem Supermarkt in Ankawar. Interessantes Detail: Gemüse gibt es zum Pauschalpreis von 1000 Dinar pro Kilo, Obst für 2000 Dinar pro Kilo, egal, um welche Sorte es sich handelt. Dafür gibt es an diesen Ständen dann vor allem lokale Produkte. Schade nur, wenn man eine exotische Frucht probiert hat und leider den Namen nicht herausfinden kann, weil es ja leider keine Beschriftungen in lateinischen Buchstaben gibt und die Verkäufer kaum jemals Englisch sprechen. Eine andere Erfahrung haben wir übrigens in der Apotheke gemacht: Dort wurden wir in recht gutem Englisch bedient und bekamen auch das gewünschte Penizilin für unseren Gastgeber, wenn auch als Folienstreifen, nicht als ganze Packung. Dafür eben zum unschlagbaren Preis von einem knappen Euro für acht Tabletten. Und selbstverständlich ohne Rezept.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
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Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
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Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Wie es weiterging:
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

 

Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan

Samstag, 08.10.2011

Nach einem gemütlichen Frühstück beschlossen wir, dass es an der Zeit war, sich auch die Gegend um Arbil herum anzuschauen. Wir entschlossen uns zu einem vergleichsweise kleinen Ausflug nach Dokan, ein Ort in den Bergen etwa 150km von Arbil entfernt. Mit dem Jeep und einem ortskundigen Fahrer, der keine Angst vor den heftigen Kurven und bedrohlichen Überholmanövern anderer Verkehrsteilnehmer hat, waren das gut zwei Stunden pro Richtung.

Straße in die Berge

Straße in die Berge

Blick ins Tal

Blick ins Tal

Die Fahrt durch die Berge war schlichtweg atemberaubend. Obwohl das Land vergleichsweise karg wirkt, ist es doch faszinierend und, finde ich zumindest, wunderschön. Ein bisschen hat es mich an Australiens Red Center erinnert, es ist aber doch deutlich fruchtbarer. Die Erde hat zumeist einen deutlich rötlichen Ton (auf den Fotos etwas blasser als in echt), an vielen Stellen wachsen Sträucher. Gerade auf den Berghängen wachsen auch viele Bäume, was damit zusammenhängt, dass dort im Frühling das Wasser (Schneeschmelze in den Bergen sowie “Regenzeit”) herunterfließt. Stellenweise sieht man kleine Oasen, wo durchgängig ein Bächlein fließt. Im Frühling muss es hier noch schöner sein, denn dann grünt und blüht hier alles.

Bergkette

In der Nähe von Dörfern und kleinen Städten sieht man häufig Schaf- und Ziegenherden, die neben der Straße oder am Fuß der Berge weiden, oft auch Esel, Kühe und gelegentlich Pferde. Sie werden von Hirten betreut oder gehören zu Nomaden, die dort ihre Zelte aufgeschlagen haben oder in Hütten leben. Doch auch hier merkt man, wie sich das traditionelle Leben mit europäischen Einflüssen vermischt, sei es an Gebäuden oder der Kleidung der Menschen. Gelegentlich fährt man an einzelnen Ruinen vorbei; die traurigen Überreste von Dörfern, die nach den letzten Kriegen nicht wieder aufgebaut wurden.

Blick ins Tal

Blick ins Tal

Gelegentlich kommt man an Check Points vorbei, an denen Polizisten Pass- und Fahrzeugkontrollen durchführen können, wenn ihnen etwas komisch vorkommt. Als Tourist kann man Glück oder Pech; viele Polizisten winken einen wegen des europäischen Äußeren gleich durch, andere wollen gerade deshalb die Ausweise sehen. Mehr können sie eigentlich nicht tun, aber der Anblick ihrer Maschinengewehre ist trotzdem etwas beängstigend. Für mich als jemand, der nie ernsthafte Grenzkontrollen erlebt hat, eine durchaus einschüchternde Erfahrung.

Wir nähern uns der Bergkuppe

Wir nähern uns der Bergkuppe

Weiter geht es, hinein in die Berge. Die Straße wird schmaler, die Kurven enger, die Landschaft atemberaubend schön. Häufig überholen wir Lastwagen, sogar in den Kurven, teilweise sogar trotz Gegenverkehr (uwaaah!). So ist das eben dort, das machen alle so. Erstaunlicherweise ist die Straße ziemlich gut in Ordnung; sie ist noch recht neu. Wir überlegen, wie toll es hier zum Motorrad fahren sein muss wegen der Kurven, aber wenn ich mir die Fahrweise der Autos und LKW anschaue, bekomme ich Angst um mein Leben. Nur ein Ausrutscher, ein Verschätzen, ein unachtsames Überholmanöver des Gegenverkehrs, und der Abgrund ruft.

atemberaubender Ausblick

atemberaubender Ausblick

Blick über Dokan und den Dokan-See

Blick über Dokan und den Dokan-See

Wir kommen in Dokan an, fahren durch den Ort und am Stausee vorbei zu einem Aussichtspunkt. Der Dokan-See ist erstaunlich groß, die kleine Stadt scheint ganz gut vom Fischfang zu leben. Es ist faszinierend, wie unachtsam offensichtlich mit der Umwelt umgegangen wird; obwohl es sich hier um ein beliebtes Ausflugsziel handelt, wird Müll gnadenlos fallen gelassen, wo man gerade steht. So entstehen regelrechte Müllhalden am Ufer des ansonsten schön gelegenen Stausees, oder auch mitten in der Stadt, im Rinnstein oder an Baustellen.

Dokan-See

Dokan-See

Hotelanlage am Dokan-See

Hotelanlage am Dokan-See

Blick übern Dokan-See

Blick übern Dokan-See

Direkt am See gelegen ist ein hübsches, kürzlich modernisiertes Hotel. Wir kehren dort auf eine Cola ein, schauen uns die Hotelanlage mit Swimming Pool, Tennisplatz, Casino und Ferienhütten an. Von vielen Zimmern aus muss man einen guten Blick über den See haben. Auch die Preise sind in Ordnung; für 100$, also etwa 80€, bekommt man ein Zimmer im Hauptgebäude, inklusive Frühstück, ein kleines Zimmer direkt am Hang mit Seeblick sogar für 80$.

die Sonne geht unter

die Sonne geht unter

Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Wir machen uns auf den Rückweg, der recht unspektakulär verläuft. Wir machen noch einige schöne Fotos, zumeist aus dem fahrenden Auto heraus, weil man ja nicht dauernd anhalten kann. Hinzu kommen einige spektakuläre Überholmanöver, eine Notbremsung wegen eines toten Tiers auf der Fahrbahn und eine Schrecksekunde, als uns während einer Ortsdurchfahrt beinahe ein kleines Mädchen vor’s Auto rennt.

Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Krönender Abschluss dieses tollen Tages wird das Abendessen im Restaurant Dawa 2. So etwas habe ich noch nie erlebt: Es gibt keine Speisekarten, denn man sucht sich sein Essen nicht aus; stattdessen wird einem von diversen Gerichten ein bisschen gebracht. Allein die Auswahl an Vorspeisen ist so reichhaltig, dass sie problemlos als Viergangmenü durchgehen würde! Ich komme kaum hinterher; dauernd packt mir ein Kellner noch mehr auf den Teller, ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, eine Schale Suppe, und vor allem Fleisch, viel Fleisch. Spektakulärer Anblick: Auf einem Schwert aufgespießt wird Hähnchenfleisch mit Paprikaschoten gebracht, in einer mit Alufolie zugedeckten Amphore eine Art Gulasch. Es ist alles unglaublich lecker (okay, Linsensuppe mit Pflaumen ist nicht mein Fall, aber das meiste andere war super!), und es ist gut, dass ich all das probiert habe, was ich mich sonst wohl eher nicht getraut hätte. Als ich glaube, bald zu platzen, erfahre ich, dass wir den Hauptgang auslassen werden – alles bisherige war bloß die Vorspeise! Und nun folgt noch der Nachtisch, natürlich wieder eine Auswahl von leckeren Dingen. Als wir fertig sind, kann ich mich kaum noch bewegen, so lecker war alles. So ein Restaurant wünsche ich mir hier auch! Vor allem zu dem Preis; inklusive Getränken lagen wir, sofern ich das richtig mitbekommen habe, bei deutlich unter 20€ pro Person. Es wäre auch das Doppelte wert gewesen!

Wie alles begann:
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Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil

Freitag, 07.10.2011

Der Tag begann mit einem ausgiebigen Frühstück am Buffet des Hotel Rotana, dem (laut unseren Gastgebern) besten Hotel in Arbil. Es war definitiv ein gutes Brunchbuffet, mit allem, was man sich wünscht: frisches Obst, diverse Brot-, Gebäck- und Müslisorten und frisch zubereitete Pancakes und Rührei. Entsprechend war auch der Preis. Lustig ist immer die Bezahlung solcher Rechnungen: Man kann oft in Dollar bezahlen (nicht auf dem Basar, aber in größeren Läden und Restaurants), natürlich zu einem entsprechend schlechten Kurs. Herausgegeben wird dann wiederum in Dinar, wiederum abgerundet und mit entsprechend schlechtem Kurs, sodass man doppelt und dreifach drauf zahlt. Aber selbst wenn man in Dinar bezahlt, wird wie selbstverständlich aufgerundet: Der kleinste Schein in dieser Währung ist ein 250er, Münzgeld gibt es nicht. Kauft man ein, kommt man leicht auf einen Betrag wie 10800, der dann selbstverständlich auf 11000 aufgerundet wird; das kann sich ganz schön läppern, zumal bei Touristen gerne auch mal Beträge wie 10550 auf 11000 aufgerundet werden. Und in kleineren Läden oder Taxen, in denen man keine Möglichkeit zur Verständigung hat, hält man dann notgedrungen einfach ein paar Scheine hin, die man für angemessen hält. Manchmal bekommt man was zurück, manchmal nicht, aber am zufriedenen Grinsen des Händlers/Fahrers erkennt man dann meistens, wenn man grade “freiwillig” das Doppelte bezahlt hat. Aber was soll’s; auf die paar Cent Unterschied kommt es uns in den meisten Fällen kaum an.

großzügige Parkanlagen in Arbil

großzügige Parkanlagen in Arbil

Teichanlagen

Teichanlagen

Leuchtreklame Arbil Style

Leuchtreklame Arbil Style

Nach dem Frühstück wurden wir im Park Sami Abdulrahman abgesetzt, einer riesigen Parkanlage nordwestlich des Stadtzentrums. Wir liefen den letzten Teilnehmern des 1st International Erbil Marathon for Peace and [den Rest hab ich vergessen] über den Weg; meine Hochachtung an all jene, die da bei guten 30° mitgelaufen sind! Der Park ist schön angelegt, von den großen Straßen ringsum bekommt man nichts mit. Es gibt breite asphaltierte Wege zwischen den Bäumen, die Rasenflächen werden mit viel Mühe und Unmengen Wasser grün gehalten, es gibt blühende Blumen und Büsche. Hinzu kommen zwei große Teiche, auf denen man Tretboot fahren kann. Überhaupt wird hier mit Wasser geradezu geaast: Überall in der Stadt gibt es Springbrunnen, mehrere große Parkanlagen, die Menschen verbrauchen unglaublich viel Wasser. Beim Putzen scheint es z.B. üblich zu sein, einfach zwei Eimer Wasser in den zu putzenden Raum zu schütten, eine halbe Flasche Putzmittel reinzukippen und dann einmal durchzuwischen (so geschehen bei unseren Gastgebern mit diversen einheimischen Putzfrauen, sogar in Räumen mit frisch verlegtem Teppichboden…).

Springbrunnen in Arbil

Springbrunnen in Arbil

Zitadelle

Zitadelle

Blick über Arbil

Blick über Arbil

Nachdem wir quer durch den Park gelaufen waren, suchten wir zu Fuß nach einem Weg in die Innenstadt, um uns dort weiter umzusehen. Das ist ohne Karte gar nicht so einfach (es gibt scheinbar keine guten Karten der Stadt), aber zum Glück ist die Zitadelle an den großen Straßen häufig beschildert. Wieder erklommen wir die Zitadelle, sahen uns auf dem Basar und dem Markt in den kleinen Straßen um die Zitadelle herum an. Da der Freitag schon Wochenende ist, war nicht allzu viel los, sodass man ohne großes Gedränge durchkam. Man bekommt hier alles, von Lebensmitteln über Gewürze und Elektrogeräten bis hin zu Kinderspielzeug. Immer in einer seltsam anmutenden Mischung aus Tradition und Anpassung an europäische Gepflogenheiten.

auf der Zitadelle

auf der Zitadelle

Blick von der Zitadelle

Blick von der Zitadelle

Als wir müde wurden, machten wir uns auf den Weg zurück in den Park, in dem wir morgens gewesen waren. Dort machten wir es uns für einige Stunden an den Teichen bequem und ruhten uns aus. Da Wochenende war, füllte sich der Park zunehmend mit Einheimischen, die sich in kleinen und größeren Grüppchen und bei lauter Musik (es tut mir echt leid, aber für mich klingt es eher nach Gejammer…) amüsierten. Auf den Teichen wurden sogar Bootsfahrten angeboten, entweder in kleinen Tretbooten oder auf einem erstaunlich großen Motorboot, das recht heftige Wellen verursachte.

riesiger Spielplatz im Park

riesiger Spielplatz im Park

Der Rückweg war nicht ganz unkompliziert; ohne Plan verliert man leicht den Überblick, wo man sich in etwa befindet, aber schließlich fanden wir doch den Weg zur nächsten großen Kreuzung und von da aus ein Taxi nach Hause.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
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Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
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Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

 

Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil

Donnerstag, 6.10.2011

Nach einem ausgiebigen gemütlichen Frühstück erkundeten wir Ankawa (auch die Schreibweise “Ainkawa” schien verbreitet), den Vorort, in dem wir wohnten. Dieses Viertel ist eine gute Wohngegend, die meisten Menschen hier sind Christen und zeigen dies auch sehr deutlich, z.B. mit grell leuchtenden Kreuzen vor dem Fenster. Auch diverse Kirchen gibt es hier, die sich architektonisch stark von den europäischen unterscheiden.

Kirche in Ankawa

Kirche in Ankawa

Das Wohnviertel gefiel uns ausgesprochen gut: Nur Einfamilienhäuser, die Straßen überwiegend sauber (für Arbiler Verhältnisse extrem sauber, wie wir noch feststellen sollten!) und gepflegt. Vor jedem Haus steht eine erstaunlich kleine Mülltonne, die, wie ich erfuhr, zwei Mal am Tag geleert wird, damit es im Sommer bei 50° nicht so schrecklich stinkt.

typischer Häuserblock in Ankawa

typischer Häuserblock in Ankawa

typisches Haus in Ankawa

typisches Haus in Ankawa

Wir besuchten das Assyrische Museum ein paar Straßen weiter. Es ist zwar klein, aber hübsch eingerichtet. Die Beschriftung ist in Kurdisch, Arabisch(?) und Englisch, allerdings in allen drei Sprachen recht spärlich. Ausgestellt werden vor allem landwirtschaftliche und Haushaltsgeräte des 19. und 20. Jahrhunderts, Trachten, alter Handschriften, Biographien wichtiger Persönlichkeiten (zu einem extrem hohen Teil christliche Geistliche) und Alltagsgegenstände assyrischen Lebens im Irak.

Assyrische Trachten

Assyrische Trachten

Webstuhl im Assyrischen Museum

Webstuhl im Assyrischen Museum

Am Nachmittag ging es in zwei der größten Malls der Stadt, die deutschen Shopping Centern in nichts nachstehen. Die Family Mall war schlichtweg riesig, mit einem großen Baumarkt, diversen Restaurants und Cafés sowie Geschäften aller Art. Auf der unteren Etage gibt es auch eine Eisbahn, auf der mit Begeisterung Schlittschuh gelaufen wurde. In Arbil ist schließlich schon Herbst; bei schlappen 30° muss man sich wohl so langsam auf den Winter vorbereiten. In den Bergen nahe der Stadt gibt es übrigens auch Wintersportgebiete; von den heißen Sommern sollte man sich nicht täuschen lassen. Die Temperaturen gehen in Arbil in kalten Winternächten auch schonmal gegen 0°, auch wenn es Schnee nur etwa ein Mal alle zehn Jahre gibt, und liegen tagsüber oft bei bis zu 20°. In den deutlich höher gelegenen Bergen dagegen gibt es recht viel Schnee und entsprechenden Tourismus.

Eisbahn in der Family Mall

Eisbahn in der Family Mall

Wir aßen im Foodcourt zu Mittag: traditionelle Salate, Linsensuppe, Lahmacun, Pide. Alles sehr lecker, wenn auch für kurdische Verhältnisse recht teuer. Der westliche Lifestyle, der in den Malls geboten wird, hat offensichtlich seinen Preis; auch die Klamottenläden boten Kleidung zu normal-europäischen bis gehobenen Preisen an. Auch das Sortiment ist stark europäisiert: Jeans und Hemden, enge T-Shirts und knappe Sommerkleidchen. Dazu kommen Läden, in denen z.B. deutsche Artikel angepriesen werden; diese sind dann allerdings oft in China produziert und stecken lediglich in einem Karton mit deutschem Namen drauf. Mit einem dieser Ladeninhaber kamen wir ins Gespräch, einem Kurden, der seit 20 Jahren in Wien lebt. Es passiert auch recht häufig, dass man mit einem Rückkehrer aus Deutschland ins Gespräch, der einen in bestem Deutsch in seinem Land willkommen heißt. Generell sind die Menschen hier sehr kontaktfreudig. Es geschieht häufig, dass man angesprochen wird, wenn man sich auf Deutsch unterhält, sei es von Kurden, die die Sprache erkennen, oder von irakischen Touristen, die gerne ein Foto mit “den Europäern” machen möchten. Blonde bzw. rote Haare und helle Haut sind dort eben doch sehr selten, denn europäische Touristen gibt es nur wenige.

Family Mall

Family Mall

Family Mall

Family Mall

Danach ging es noch zum Lebensmittelkauf in die Majidi Mall. Diese ist kleiner als die Family Mall, vorwiegend Klamottenläden. Am Eingang wieder die Sicherheitskontrolle, die so obligatorisch wie sinnlos erscheint: Der Metalldetektor piept prinzipiell bei jedem, oberflächlich abgetastet werden jedoch nur die Männer, obwohl eine Frau immer beim Wachpersonal dabei ist und einen Blick in die Handtaschen wirft. Da merkt man dann, dass es in Arbil seit Jahren keine Anschläge gegeben hat; prinzipiell bestehen zwar Sicherheitsvorkehrungen, diese werden aber erstaunlich lasch gehandhabt. Und ganz ehrlich: Ich hatte in der kompletten Woche nicht ein Mal Grund, mich unsicher oder bedroht zu fühlen. Es ist kein anderes Gefühl, in Arbil durch die Straßen zu schlendern, als in Deutschland (nur, dass man sich in Arbil auf dem Markt nicht vor Taschendieben zu fürchten braucht, wie bei uns).

Nutella-Nachahmerprodukt und Langnese Honig

Nutella-Nachahmerprodukt und Langnese Honig

Das einzige, dass mir ein ungutes Gefühl bereitete, ist der Verkehr. Es ist unglaublich chaotisch, in gewisser Weise noch chaotischer als europäische Großstädte wie Paris und Rom, denn hier hält sich niemand an Spuren oder Fahrtrichtungen, dauernd wird gehupt. Spuren sind meistens nicht mal eingezeichnet, es fahren halt so viele Autos nebeneinander, wie es passt, und oft wird dann ohne zu gucken mal eben drei Autobreiten nach links oder rechts gezogen. Entsprechend hoch muss die Unfallquote sein, besonders bei den Taxen, die pauschal für eine Strecke (nicht nach Zeitaufwand oder Verkehrsdichte) bezahlt werden. Dadurch dass sich kaum jemand anschnallt (viele Autos haben hinten gar keine Gurte, weil ein Kunstlederbezug die Polster verdeckt, der leider keine Aussparungen für die Gurte lässt), ist auch die Zahl der Verkehrstoten erschreckend hoch. Insbesondere mit Kindern wird in dieser Beziehung sorglos umgegangen: Fünf, sechs oder gar sieben Kinder auf der Rückbank sind keine Seltenheit, bei Jeeps mit Ladefläche sieht man sehr oft Kinder und/oder Tiere vergnügt auf der Ladefläche herumhüpfen. Auch bei 90km/h.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
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Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil
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Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug

 

Auf nach Kurdistan! Tag 2 – Arbil

Mittwoch, 5.10.2011

Nach der langen Reise war ich ziemlich platt, sodass wir am Mittwoch Morgen erstmal ausschliefen. Da wir in einem Privathaushalt übernachten durften, mussten wir uns auch nicht frühzeitig zum Frühstück aus dem Bett quälen. Ich wurde von unseren Gastgebern, Familie Martsch, sehr herzlich aufgenommen. Sie betreiben das Deutsche Kulturzentrum in Arbil und führen ein eigenes Unternehmen, sind mit der Familie des kurdischen Präsidenten befreundet und genießen wegen ihres Einsatzes für die Kurden seit dem Krieg vor 20 Jahren ein hohes Ansehen dort. Der unbestreitbare Vorteil für uns: Dank dieses besonderen Ansehens und verschiedener Ausweise kommt man problemlos und ohne nervige Kontrollen überall hin. Und in einem Privathaushalt lebt es sich eigentlich immer praktischer als in einem Hotel.

Da mein Handy hier keinen Empfang hatte und Simyo offenbar keinen Roamingpartner im Irak hat, brauchte ich eine kurdische SIM-Karte. Die ist sowieso viel praktischer, da man recht günstig telefoniert, auch nach Deutschland (für ein achtminütiges Gespräch habe ich 2300 Dinar gezahlt, das entspricht etwa 1,50€). Nachdem ich also eine kurdische Handynummer hatte, ging es los in die Stadt. Wichtig dabei für mich: Die Kleidungsfrage. Trotz 35° kommen Minirock und Trägertop in einem vorwiegend muslimischen Land wohl eher nicht gut an. Wäre bei der Sonne aber eh nicht besonders schlau. Dank Ennos Berichten wusste ich, dass Jeans und T-Shirt auch als Frau ausreichen; es gibt zwar viele einheimische Frauen, die in langen Mänteln und verschleiert herumlaufen, aber auch durchaus viele mit langen, offenen Haaren, Jeans und T-Shirt. Auf den Minirock wird zumindest in der Öffentlichkeit verzichtet, in diversen Läden gibt es aber erstaunlich knappe und offenherzige Kleidchen zu kaufen. Also beschränkte auch ich meine Anpassung auf eben jene Jeans und vergleichsweise weite T-Shirts (war gar nicht so einfach, sowas im Kleiderschrank zu finden…), um nicht gleich am ersten Tag blöd aufzufallen.

Zunächst ging es also ins Erbil Speed Center, wo wir auf einige Helfer, die beim Abbau der Zelte vom Fest der vergangenen Woche warteten. Bei Wasser und Cola lernten wir den Gebäudekomplex kennen: Ein Sportcenter mit Kartbahn, Restaurant und Bar, die obligatorische Sicherheitskontrolle am Eingang und englischsprachiges Personal. Ich erfuhr, dass hier eines der großen Bauprojekte der Stadt umgesetzt wird: Neben dem Speed Center entsteht ein Bürohochhaus, dazu eine große Zahl Einfamilienhäuser und mehrere Appartementblöcke, außerdem ein Marriott Resort. Bauprojekte dieser Art sind typisch für Arbil: Die Stadt boomt, und überall sind Baustellen, entstehen gute Hotels und Bürogebäude.

Erbil Speed Center und Business Tower

Erbil Speed Center und Business Tower

Shanidar Park, Arbil

Shanidar Park, Arbil

Während Enno und Horst mit ihren Helfern die Zelte abbauten, schaute ich mir die Umgebung an, nämlich den schönen Shanidar Park. Er ist einer von mehreren großen Parks in Arbil. Hier in Wuppertal ist man ja schon verwöhnt, was Bäume und Grünflächen angeht, aber Arbils Parks sind schlichtweg umwerfend. Wer denkt, in einem scheinbar so kargen, heißen Land würde mit Wasser sparsam umgegangen, der irrt sich: Mit viel Aufwand wird Rasen grün gehalten, werden Springbrunnen und riesige Parkanlagen in der ganzen Stadt betrieben.

Shanidar Park, Arbil

Shanidar Park, Arbil

Vom Park aus machten Enno und ich uns auf den Weg in die Innenstadt. Auch wenn der Weg nicht weit war, bei 35° und knallender Mittagssonne war es trotzdem etwas anstrengend. Wir liefen an gut bewachten Gebäudekomplexen vor (eine Schule, eine Militärakademie, die meisten aber ohne Schild). Ich lernte das kurdische Wort für Hallo: Salam. Je näher wir dem Stadtkern kamen, desto schmaler und voller wurden die Straßen. Es herrschte recht viel Verkehr, sodass man beim Überqueren der Straßen gut aufpassen musste. Schließlich ragte vor uns die Zitadelle auf, eine Art befestigte Erhebung mitten in der Stadt, auf bzw. unter der die ältesten Teile der Stadt liegen: Arbil ist über 4000 Jahren durchgehend bewohntes Gebiet, und es liegt in der Gegend der Welt, die man getrost als Wiege der Zivilisation bezeichnen könnte, an der Grenze des Zweistromlandes/Mesopotamien.

Zitadelle Arbil

Zitadelle Arbil

oben auf der Zitadelle, Arbil

oben auf der Zitadelle, Arbil

Blick von der Zitadelle über Arbil

Blick von der Zitadelle über Arbil

Um die Zitadelle herum erstreckt sich das Geschäftszentrum von Arbil. Neben einer Grünanlage erstreckt sich ein hübsches Verwaltungsgebäude(?) mit Uhrenturm, darum herum eine Geschäftsstraße. Hier ist auffällig, wie wenige Frauen unterwegs sind; die Läden sind auch nur auf männliche Kundschaft ausgelegt und verkaufen europäische Herrenkleidung sowie billige Elektrogeräte (auf den ersten Blick wirken die Kartons wie die von europäischen Marken, auf den zweiten fallen dann Schreibweisen wie “Pihilipps” und “Philippis” auf). Es gibt Imbissbuden mit landestypischem Essen und alle möglichen Läden, gelegentlich Stände mit Kopien von (Schul)Büchern.

Hinter dieser Geschäftsstraße beginnt der Bazar. Dieses Gewirr kleiner Wege ist überdacht und besteht aus einer Vielzahl kleiner Läden. Hier gibt es alles, was man brauchen kann: säckeweise Gewürze, jegliche Art von Essen, traditionelle Frauengewänder und europäische Mode inklusive Trägertops und kurzer Röcke, Kinderkleidung und billiges Spielzeug. Schade, dass wir uns mit den meisten Menschen kaum verständigen können; Englisch sprechen nur sehr wenige, unser Kurdisch beschränkt sich auf “hallo” und “danke”, wir können nichtmal die Zahlen auf den Schildern lesen. Deshalb beschränken wir unsere Einkäufe auf das Nötigste: Wasser! Die Halbliterflasche gibt es für umgerechnet 13-15 Cent an jeder Ecke.

Nach mehreren Stunden in der Innenstadt sind mir müde und bestellen uns ein Taxi, um zurück nach Ankawa, in “unseren” Vorort zu fahren. Klingt einfach, ist aber komplizierter als gedacht, denn die Straße, in der wir wohnen, hat keinen Namen oder zumindest kein Schild. Das scheint in Arbil üblich zu sein: Die wenigsten Straßen haben Schilder, abgesehen von den Hauptstraßen. Die Einheimischen kommen damit gut klar, man beschreibt halt mit “in der Nähe von …” oder beschreibt dem Taxifahrer den Weg. So mussten auch wir uns mit Händen und Füßen verständlich machen so gut es ging, immer auf der Suche nach Straßenecken, die uns bekannt vorkamen, denn das Restaurant, das wir als Referenzpunkt gewählt hatten, kannten weder unser Fahrer noch die gefragten Polizisten. Das funktionierte dann im Endeffekt auch: Wir kamen nur zwei Straßen von unserem Ziel raus und fanden den Weg. Das wirklich Unangenehme am Taxifahren dort: Hinten gibt es zumeist keine Gurte. Hier schnallt sich sowieso kaum jemand an, aber das machte es für mich auch nicht besser.

Als wir ankamen, gab es bald Abendessen. Wir ruhten uns etwas aus und genossen einen unterhaltsamen Abend mit unseren Gastgebern. Schließlich machten wir uns noch auf den Weg zum Lebensmittelladen um die Ecke und schauten uns ein wenig im Viertel um. Abends testeten wir den Fernseher: Neben mehreren englischsprachigen Programmen gab es auch RTL2, ZDF und ARTE, gelegentlich auch RTL und ARD. Davon war ARTE noch am brauchbarsten; insbesondere RTL2 ist dank völlig hirnloser Sendungen und Werbung in Schwitzerdütsch schlichtweg nicht zu ertragen. Aber zum Glück waren wir ja nicht zum Fernsehen in Arbil.

Wie alles begann:
Spontanreise nach Arbil (Kurdistan/Nordirak)
Auf nach Kurdistan! Tag 1 – Hinflug (Düsseldorf – Istanbul – Arbil)
Wie es weiterging:
Auf nach Kurdistan! Tag 3 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 4 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 5 – Dokan
Auf nach Kurdistan! Tag 6 – Arbil
Auf nach Kurdistan! Tag 7 – Arbil – Rückflug